Ein Mann ist nichts, wenn er kein Ziel hat. Wir Durchschnittstypen wollen Abteilungsleiter werden, Ressortchef oder Gehirnchirurg – harte Männer haben naturgemäß andere Ziele. Mickey Rourke ist einer der härtesten, das sieht man schon seinen dichten Bartstoppeln an, seiner ruppigen Mimik und der Art, wie er sagt: „Gib mir ein gottverdammtes Bier!“ Mickey Rourke ist nicht einfach ein Schauspieler – Mickey hat jahrelang am Actors’ Studio gelernt, der Kaderschmiede für alle Neurotiker und Wahnsinnigen des amerikanischen Kinos. Seither kennt auch Mickey sein Ziel: Er sucht nach der Rolle seines Lebens, nach jener Rolle, in der sich die Phantasie seines Drehbuchautors, das Image des Superstars und die eigene Lebenslüge aufs Trefflichste vereinen. Jetzt hat er diese Rolle gefunden: Mickey Rourke spielt Henry Chinaski alias Charles Bukowski, und er spielt mit aller Inbrunst – so als sei Tschechow ein Dreck dagegen und Ibsen allenfalls Boulevardtheater. Wie Mickey aussieht und sich gibt, genau so haben wir uns schon als Gymnasiasten den Dichter Bukowski vorgestellt.

Gymnasium, das bezeichnet ziemlich genau Bukowskis Problem. Für pubertierende Klugscheißer nämlich mag es durchaus einen erzieherischen Wert haben, solche Sätze zu lesen: „Eine happige Sache. Mörderisch. Schließlich kam es uns dann, und ich ließ sie einfach irgendwo fallen. Schmiß sie weg.“ Auf Erwachsene wirken diese Ergüsse allenfalls wie Beruhigungsmittel; um in Bukowskis Terminologie zu bleiben: heiße Milch mit Honig, kein Tröpfchen Whisky dabei.

Der Regisseur Barbet Schroeder aber, seine Stars Mickey Rourke und Faye Dunaway haben sich berauscht – das macht den Film so ernüchternd. „Barfly“ heißt das Werk, nach einem Wort aus der Sprache der Trinker. Echte Säufer, das suggeriert der Begriff, kleben am Hocker wie Fliegen am Strip. Echte Säufer ertrinken manchmal wie Fliegen in Biergläsern. Echte Säufer haben eine gebrochene Sicht auf die Welt – wie Fliegen durch die Facettenaugen. Dennoch ist ihr Los nicht hoffnungslos. Ein deutscher Kollege Bukowskis hat es auf den Punkt gebracht: „Die meisten Fliegen haben ein aufregenderes Leben als die Bücher, mit denen sie erschlagen werden.“

Barbet Schroeder klebt nur an den Buchstaben Bukowskis. Es ist schwül und schmutzig downtown in Los Angeles, schon die Luft macht durstig, und die meisten Typen hier sind nur im Vollrausch zu ertragen. Die Bars gleichen dunklen, feuchten Höhlen, der Zapfhahn hält den Trinker fest und am Leben wie eine Nabelschnur. Es ist ein mieses Leben – und also gut für einen packenden Film. Schroeder aber zeigt das schlechte Leben nur als Rohstoff für noch miesere Literatur. Wenn Chinaski alias Bukowski alias Rourke frühmorgens heimkommt oder wenn er sich mittags aus dem Bett quält und den Kater im Whisky ersäuft, dann setzt er sich gern an seinen Couchtisch und schmiert mit einem alten Bleistift seine Sätze aufs schmutzige Papier: Großmäulige Verse, klebrige Lyrik und Kurzgeschichten, die davon erzählen, wie heroisch das Pennerdasein wirklich ist.

Dieser Mann lügt sich in die eigene Tasche, und folglich betrügt uns der Film mit jedem Bild. Henry Chinaski ist ein Mann aus Papier – und daß seine Gedanken, seine Tage, sein ganzes Schicksal oft so düster aussehen, das liegt allein an der Druckerschwärze. Schroeders Problem: Nicht der Schnaps, nicht der Suff und schon gar nicht das Leben – nur die Literatur ist sein Thema: Ein Porträt des Dichters als prügelnder und geprügelter Hund. Chinaski säuft sich durch die Bars, schleppt sich durch die Gossen, kämpft sich durch fremde Betten, nicht weil ihn seine verwundete Seele dazu treibt, sondern nur, damit er hinterher sagen kann, er verachte goldene Käfige, seine Heimat sei die Straße, und allerhand Unsinn vom gleichen Kaliber.

Wenn der Film zum Schluß kommt, hat Chinaski seine erste Geschichte verkauft, seine Verlegerin aufs Kreuz gelegt – und ist doch zurückgekehrt zu seiner schmuddeligen Geliebten, in die schäbigen Bars und die schmutzigen Straßen. Er wird weitersaufen, weiterprügeln, weiterschreiben. Dennoch ist das Ende eher tragisch: Dieser Mann, das liegt auf der Hand, wird nicht an seinem Erbrochenen ersticken, nicht auf einer Parkbank erfrieren und auch nicht im Bett einer Hure verrecken. Er wird sich, früher oder später, an seiner eigenen Lyrik verschlucken und sich nie mehr davon erholen. Claudius Seidl