Von Renate Kaufeld

In den engen Straßen rund um die alte Dorfkirche aus roten Backsteinen und groben Findlingen ist kein Parkplatz mehr zu bekommen. Schräg gegenüber beim „Gasthaus Rieckmann“ drängen die Menschen in Trauben durch die Tür. Drinnen, im großen Festsaal, ist schon lange kein Stuhl mehr frei. Kein Zweifel: Es wird heute hoch hergehen. Doch nicht Schützenfest oder Feuerwehrball sind angesagt. Wo sonst Papiergirlanden und Fähnchen für Stimmung sorgen, hängen jetzt Plakate mit holländischen Windmühlen und einheimischen Wacholderbäumen hinter Stacheldraht, Transparente mit ungleichen Druckbuchstaben: „Bispinger Gemeinderat verkauft seinen Heimatort!“

Die, denen der Ausverkauf vorgeworfen wird, sitzen vorne an quergestellten Tischen: zwölf CDU-Ratsherren und fünf von der SPD. Dazu der Gemeindedirektor und einige Herren, die den meisten im Dorf bisher unbekannt sind. Ihnen gegenüber rund 600 aufgeschreckte Bürger, aufgeschreckt durch ein Gerücht, das seit Wochen im Ort kursiert: Am Rande von Bispingen, dem kleinen Ferienort mitten in der Lüneburger Heide, plane eine holländische Firma, einen riesigen Ferienpark zu bauen.

Im Laufe des Abends wird aus dem Gerücht Gewißheit. Die unbekannten Herren am Ratstisch entpuppen sich als Vertreter der holländischen Firma Center Parcs. Was sie an dem Mittwochabend im Mai vergangenen Jahres den Bispingern vortrugen, verschlug den meisten die Sprache. In ihrem staatlich anerkannten Luftkurort, nur einen Steinwurf von den letzten Häusern entfernt, soll die „Illusion eines Tropenurlaubs – unabhängig von Wetterlage und Jahreszeit“ entstehen. Ein Projekt der Superlative – hier ist der ausgeleierte Begriff wohl angebracht. Auf 80 Hektar des Naherholungsgebietes „Luhfuhren“, so erfahren die Bispinger, sind mehr als 600 Luxusbungalows und ein Appartementhaus, insgesamt fast 4000 Betten, geplant, ein zehn Hektar großer, künstlich angelegter See und als Mittelpunkt der Anlage ein

000 Quadratmeter großes Gebäude unter einem 20 Meter hohen Glaskuppeldach, das eigentliche Urlauber-Schlaraffenland.

Unbehelligt von Wind und Wolken, Mücken und Staub soll hier bei konstant 29 Grad zu Lande und im Wasser der Feriengast inmitten Gleichgesinnter in den azurblauen Wellen des subtropischen Schwimmparadieses planschen. Er wird Gelegenheit haben, sich unter der Röhrensonne makellos zu bräunen, über Boulevards zu flanieren und dem Schnattern echter Flamingos zu lauschen.

Die Firma Center Parcs hat mit dieser Urlaubsutopie seit Jahren Erfolg. Die Besucherzahl nimmt kontinuierlich zu, viele Urlauber kommen mehr als nur einmal. Heute hat das Unternehmen einen Jahresumsatz von 340 Millionen Mark mit einem Nettogewinn von etwa 31 Millionen Mark.