Nur wer sich Illusionen über die nukleare Zukunft hingibt, kann alle Gefahren des Mißbrauchs ausschließen. Die Vision der perfekten inneren Sicherheit ist ein pures Wunschgebilde.“

Mit grimmiger Genugtuung blicken wir, einen selbstgerechten Augenblick lang, auf die Zeilen, die wir vor zehn Jahren in Robert Jungks Buch über den Atomstaat angestrichen hatten. In Brokdorf wurde damals demonstriert, in Gorleben blockiert, und die Evangelischen Akademien versammelten die Gegen-Experten. Aber die Skepsis war zu schwach gegen eine vom Durchmarschgeist beseelte Allianz von Wissenschaft und Politik. Auch der kleine Geniestreich der Bundestagskommission blieb folgenlos, die 1980 ein Moratorium von zehn Jahren vorschlug, in denen man erproben sollte, ob man die riskante Technik nicht durch intelligentere Verwendung von Energie überflüssig machen könnte.

Was wir jetzt aus Hanau und Windscale erfahren, wird harte Konsequenzen für die Nutzung der Kernenergie haben. Aber daß das riskante Denken der wissenschaftlich-wirtschaftlichen Eliten durch eine intelligentere Verwendung von Intelligenz überflüssig gemacht werden kann, steht nicht zu erwarten. Denn Kritik, Skepsis und Mißtrauen hatten zwar genug Kraft, den Siegeszug der modernen Naturwissenschaften zu begründen; eine machtförmig organisierte Technik zu bremsen vermögen sie nicht. Es stimmt: Protestierende Laien erreichen nicht immer das Niveau von Experten. Ihre Kritik ist zudem oft pauschal: Ob es sich nun um Energielücken, Hunger in der Dritten Welt oder um Naturzerstörung handelt – immer behaupten sie, daß es sich um Probleme der Gesellschaft insgesamt handele.

Zehn Jahre nach Gorleben gibt es ausgefeilte alternative Risikostudien, Bedarfsberechnungen und Sicherheitssystemanalysen. Immer noch aber ist selbst die „naive“ Kritik auf der Höhe der Zeit. Und der großen Theorie: Seit der Formulierung der Quantenphysik nämlich wissen wir, grob gesprochen, daß die Naturwissenschaft keine „objektiven Gesetze“ entdeckt, sondern beschreibt, wie Natur unter bestimmten bekannten Bedingungen funktioniert. Wie diese gesellschaftliche Veranstaltung mit der Natur außerhalb des Laboratoriums wirkt, im unendlichen Weltall, darüber weiß die Wissenschaft oft wenig. Am Vorabend des ersten Tests in der amerikanischen Wüste bot Enrico Fermi, einer der Väter der Atombombe, Wetten an, ob die Explosion in einer ungeheuren Kettenreaktion die Atmosphäre in Brand setzt oder nicht. Er wußte es nicht.

An diesem Abend spätestens starb das Expertentum. Seither gibt der common sense oft eine genauere Vorstellung von hochkomplexen Systemen als der unorganisch versammelte Sachverstand von Experten. Eine der avanciertesten Risikoberechnungen mußte um zwanzig Prozent korrigiert werden. Sie hatte Kabelbrände als Risikoquelle ausgeschlossen. Geändert wurde sie, nachdem bekannt wurde, daß Monteure eine brennende Kerze im Leitungsschacht eines Atomkraftwerks vergessen hatten.

Menschen sind einfacher als ihre Apparate; es gibt Murphy’s Gesetz: die Natur ist unergründbar, und unsere Wirkungen auf sie sind, streng genommen, unkalkulierbar. Deshalb sollte man ganz generell vorsichtig sein. Das alles weiß der Laienverstand oft besser als die Sicherheitsausschüsse. Jede Köchin sollte den Staat regieren können, forderte einmal ein Politiker in längst vergessnen Zeiten. Lenins Köchin ist heute keine Utopie mehr. Die Lebenserfahrung und das Urteil der Köchinnen – unser aller Urteil also – ist zur letzten Hoffnung geworden. Viele kleine Quanten an common sense sind erforderlich, damit vielleicht der qualitative Sprung gelingt, der uns noch rechtzeitig auf die Höhe unserer Apparate bringt: kognitiv, moralisch und politisch.

Mathias Greffrath