Düsseldorf: „Jean Michel Basquiat“

Cy Twombly ist nebenan – in der Ausstellung der Kunsthalle. Robert Rauschenberg war hier, in der Galerie von Hans Mayer am Düsseldorfer Grabbeplatz, vor nicht allzu langer Zeit und mit neueren Arbeiten. Man muß nicht einmal erpicht darauf sein, Verbindungslinien zu ziehen, Spuren zu finden und unausgesprochene Verwandtschaften, um sie in den Bildern Jean Michel Basquiats zu sehen: Zeichen der Wirklichkeit, poetisches Fragment, offene Bildstrukturen und ein Alltag des Malerischen, mehrschichtig und vieldeutig. Basquiat, erfolgreich und immer noch fast ein Wunderkind des Kunstbetriebs, mit Kurzbiographie (1960 in New York geboren, lebt in New York), hat Bezüge zu mittlerweile klassischen Kollegen nicht nötig und möglicherweise finden nur europäische Betrachter solche absichernden Hinweise interessant. Ein rundes Dutzend großformatiger, Bilder Basquiats von 1987; wie sie Mayer jetzt ausstellt, besitzen eine besondere, eine gelassene Präsenz, eine Frische, die ihre anregende Qualität nicht aus ausgebufften Graffiti-Spielen bezieht, sondern aus dem in Malerei eingegangen nen Rhythmus der Straße, aus Signalen der Stadt, aus dem Jazz und der Werbung, überhaupt aus den Chiffren einer nur scheinbar jedem vertrauten Gegenwart. Basquiat, Sohn eines Mannes aus Tahiti und einer Puertorikanerin, bislang für internationale Sammler als ein kreolisches Naturtalent anziehend, in dessen Malerei sich afro-amerikanische Kräfte irritierend verbinden, zeigt in den neueren Arbeiten eine fortschreitende Intensität. „To repel ghosts“ hieß ein Schlüsselbild der rund sechzig Werke umfassenden Ausstellung der Kestner-Gesellschaft Hannover 1986 – eine Beschwörung von Geistern, Magie und Banalität aus Brooklyn zugleich. Es mag nun an der Auswahl liegen, daß Basquiats gemalte, geschriebene Mitteilungen heute weniger den Charakter von malerisch aufblühenden Wandzeitungen besitzen; aber es ist überzeugend, wie dicht und konzentriert sie Schichten von Dasein tragen, als Dialoge zwischen dem Künstler und seinen sich wandelnden, immer wieder bearbeiteten Leinwänden. „Six month“ – das ist nicht bloß ein Titel, sondern ein Hinweis auf Leben mit einem Bild. (Galerie Hans Mayer, Grabbeplatz, bis 15. März; Katalog folgt.)

Ursula Bode

Stuttgart: „Emil Nolde

Keine neue Sicht, einen „frischen Blick“ auf Emil Nolde verspricht der Württembergische Kunstverein in Stuttgart, der mit über hundert Bildern und einer reichen Auswahl aus dem Bestand der Zeichnungen, Aquarelle und Graphiken den Maler wieder einmal vorführt. Die letzte Übersicht (in Köln) gab es vor 14 Jahren, und dazwischen liegen die Jahre der gierigen Wiederaneignung expressiver Traditionen. Nolde hat da nicht mit- oder hochgespült zu werden brauchen. Sein Werk hat sich wie wenige andere durch alle Konjunkturen hindurch einen früh fixierten Rang erhalten können, und seine Suggestionen haben nie wirklich nachgelassen, wohl auch nie entscheidend zugenommen. Was noch zu entdecke! bleibt, ist die eigenständig widerständige Entwicklung dieses Malers, die vom nervösen Gestus der „Brücke“ und vom Pathos des „Blauen Reiters“ doch viel unberührter scheint, als das so manche Chronik überliefert und manche Museumshängung unterstellt. Gerade die koloristischen Kühnheiten der frühen Jahre verraten kaum die Stimmung von Aufbruch oder Befreiung, vielmehr eine disziplinierte malerische Strategie, die zu keinem Zeitpunkt bereit war, ihre Mittel auf Belastbarkeit hin zu testen. Womöglich liegt darin auch der Grund für die Zugänglichkeit und Popularität dieses Werks, daß Nolde mit seinen Antrieben und Energien viel ökonomischer als etwa Kirchner umging und seine Bildsprache, auch wo er sie ins Grelle vortrieb, stets unterhalb einer Zumutungsschwelle hielt. Um optische Erschütterungen, Grenzerfahrungen, ist es dieser Malerei nicht zu tun. Aufs Ganze gesehen ist sie um Ausgleich bemüht – wie sie erzählt und was sie erzählt. So wird die Dramatik einer Meereslandschaft verläßlich gelöst vom blühenden Blumengarten, und die Brutalität der Kreuzabnahme besänftigt sich wieder im Spukidyll der Kobolde am Strand. Hinzu kommt, daß Noldes Malerei sich gänzlich unzuständig zeigt für die bitteren Selbstaufklärungen der Moderne. Vom Mythos hat sie nicht lassen wollen. Die Stuttgarter Auswahl, die sich zur Hälfte der Nolde-Stiftung in Seebüll verdankt, ist sichtlich angerührt von den Bildbotschaften aus Ober- und Unterwelten. „Wir finden“, schreibt Tilman Olsterwold im Katalog, „Einfachheit als Grundsubstanz in Werk und Wesen Noldes wieder: nicht das erklärte, erklärbare Einfache – sondern das unbeschreibbare, unbestimmte, unbekannte Einfache: das Geheimnis, die Tiefen, das individuelle und das ganzheitliche Wesen im Einfachen sucht er...“ Vielleicht würde sich eine Nolde-Retrospektive heute etwas leichter legitimieren, die den Magien mißtraute und mit kritischer Sympathie einmal untersuchen würde, was an sinnlicher Substanz diesseits der so bengalisch illuminierten Tiefsinnsbehauptungen überdauert hat. Noch scheint das Werk viel zu umstellt für den „frischen Blick“. (Württembergischer Kunstverein bis zum 7. Februar; Katalog 45 Mark)

Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen