Irland kritisch gesehen

In diesem Irland gibt es keine Feen und Zwerge, kaum grüne Wiesen und nur wenig wilde Romantik. Rund dreißig „Einheimische, Zugereiste und Ausgewanderte“ (zu einem Drittel Iren, zu zwei Dritteln Deutsche) zeichnen in ihren Beiträgen ein vielseitiges, buntes Bild der Republik Irland und ein revolutionäres Programm für Nordirland. Herausgeber Hans-Christian Oeser verspricht in seinem neuen

Irland, Ein politisches Reisebuch; VSA-Verlag, Hamburg 1987; 317 Seiten, 26,80 Mark,

eine „Versachlichung“ des Irland-Bildes. Diese löbliche Absicht führt allerdings in vielen Bereichen dazu, daß die Schattenseiten des jungen Staatswesens in den Vordergrund gerückt werden, weil Irland an den Werten des restlichen Westeuropas gemessen wird. Immerhin erfährt der Leser eine Fülle wissenswerter Einzelheiten, nicht bloß über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch über die Stellung der irischen Frau zwischen Cathleen Ni Houlihan und der Heiligen Jungfrau – zum Beispiel. Besonders ansprechend sind die Abschnitte über Lyrik und Theater.

Der umfassende Informationsanspruch bezüglich der Republik Irland weicht einäugiger Propaganda, sobald von Nordirland die Rede ist. Offen übernimmt Herausgeber Oeser die Ansichten der IRA und ihres politischen Flügels Sinn Féin. Dabei entsteht ein ideologiegetränktes Bild, das mit dem nordirischen Alltag wenig gemein hat.

Allein wegen des überaus vielfältigen Teils über die Republik und der Anmerkungen über einzelne Reiseziele (äußerst nützlich sind die Angaben über die Irland vorgelagerten kleinen Inseln) lohnt sich die Lektüre, zumal als Ergänzung zu den traditionelllen Büchern und Broschüren.

Martin Alioth