Sex unter Polizeischutz und Zeugen ohne Gedächtnis

Von Esther Knorr-Anders

Mainz

Saal 201 im Mainzer Landgericht war brechend voll. Da saßen sie alle wieder versammelt: Hauptdarsteller und sonstige Mitwirkende im Porno-Thriller „Rotkäppchen im Lennebergwald“. Schön-Gudrun (bereits in der ZEIT Nr.51/87 als Liebestechnikerin in Sachen „Sonderwünsche“ vorgestellt) trug, trotz winterlicher Temperaturen, einen kurzen himmelblauen Lederrock. Dem Rock folgten die Blicke zahlreicher Jungmänner, die zwecks Ausbildung zu Gerichtsbediensteten anwesend waren.

Plüschteddy Bodo, Bordellchef des ehemaligen „Clubhotels Rotkäppchen“, trat locker in den Saal. Der ihn begleitende Justizbeamte befreite ihn von den uneleganten Handschellen. Es klickte. Beschwingten Schrittes steuerte Bodo seinem Stammplatz zu, wo er Gattin Jenny mit zärtlichem Wangenkuß begrüßte. Jenny, mehr denn je einer sturmzerzausten reuigen Sünderin gleichend, sank ihrerseits auf den vertrauten Sitz. Die Verteidiger legten ihre Roben an, rückten die blütenweißen Krawatten zurecht. Bodos Anwalt entzückte die Sinne hinter mir sitzender junger Damen. „Guck mal, der trägt ’ne feuerrote Weste. Der sieht egalweg wie der Teufel aus. Klasse!“

Lauter nette Leute

Richter Rudolf Hilt eröffnete die Verhandlung. Spürbare Enttäuschung bemächtigte sich des Publikums, als es vernahm, daß die erwartete Zeugin aus Paraguay nicht erscheinen werde. Diese Zeugin sollte über mutmaßlichen „Menschenhandel“ im einstigen Clubhotel und über „Verleitung Jugendlicher zur Prostitution“ Aussagen machen. Doch sie hatte es vorgezogen, die ihr vom deutschen Konsulat in Paraguay zur Verfügung gestellte Flugkarte nicht zu benutzen. Im „Milieu“ können Aussagewillige gemeinhin nicht mit weiterer Vollbeschäftigung und damit verbundener Wertschätzung ihres Gesundheitszustandes rechnen.