Eine englische Familiengeschichte aus besseren, aber nicht besten Kreisen. Mittelpunkt des Geschehens: Sir Godfreys spätviktorianischer Landsitz. Hauptfiguren: Lord und Lady, Mitte fünfzig, drei Söhne, eine Tochter, Anfang bis Ende zwanzig. Erzählt wird vom Familienleben, das unter einem schlechten Stern, der schwachen nervlichen Konstitution der Mutter, steht; man muß mit ihr vorsichtig umgehen, sie leidet unter Schlaflosigkeit und darunter, daß jedes ihrer Kinder andere als die von ihr gutgeheißenen Zukunftsvorstellungen hat. Der Jüngste verkehrt lieber mit älteren Damen als jungen Mädchen, der Mittlere will Dichter, der Älteste nicht ordentlicher Arzt, sondern Forscher werden, und die Tochter zieht es zu einem geschiedenen Mann hin.

Ein Gesellschaftsroman: Die Freunde und Nachbarn der Familie repräsentieren die verschiedensten Geistesauffassungen und Lebensentwürfe. Da gibt es etwa die moderne, allen Vorurteilen trotzende (allein auf den eigenen Vorteil bedachte) junge Frau, die ewig von anderen schwafelnde, in Wahrheit jedoch egoistische ältere Witwe, den aufrechten und einfühlsamen Arzt, den eitlen Pfarrer, der von Gleichberechtigung spricht und nur die Ehe-Bequemlichkeit mit einer belastbaren Frau meint.

Es geht vor allem um das Verhältnis zwischen Frauen und Männern (im Original heißt der 1931 zum ersten Mal erschienene Roman „Männer und Ehefrauen“): Alles läuft in geordneten Bahnen und doch herrscht tiefe Fremdheit zwischen den Geschlechtern, eine Fremdheit, die nicht durch Liebe, sondern allein durch Konvention zu überbrücken ist. Die englische Autorin, die es bei uns erst wieder zu entdecken gilt, beschreibt beide Geschlechter mit Witz und Schärfe: Es gibt weder Sieger noch Besiegte im Kampf um die behaupteten Gemeinsamkeiten – nur tiefe Langeweile. Trotzdem hat jede Haltung auf den ersten Blick Überzeugungskraft, und man gewinnt jeder Figur am Anfang durchaus Sympathien ab; das ändert sich jedoch im Laufe der Geschichte.

Da betrachtet man die gräßlich anstrengende Mutter plötzlich mit Mitgefühl, und die braven Kinder erweisen sich als Heuchler. Am Ende bleibt nicht mehr als die Lüge – und die den Menschen tief innewohnende Bösartigkeit. Wenn dann ganz am Schluß des Romans offenbleibt, ob der Sohn die Mutter heimtückisch umgebracht, oder ob er sich diese Tat nur aus übergroßem Schuldgefühl eingebildet hat, so spielt die Wahrheit längst keine Rolle mehr. Man traut ihm die Schandtat mühelos zu. Man wundert sich auch nicht über den wortgewaltig trauernden Witwer, der kurz nach der Beerdigung neuen Liebesverlockungen zu erliegen droht. Die Menschen sind nicht gut, sondern allein um die äußere Erscheinung eines guten Charakters bemüht.

Ivy Compton-Burnett führt die Täuschungsmanöver und das Hintertriebene all ihrer Figuren vor. Daß es sich dabei um Gestalten aus der guten alten Zeit handelt, macht die Menschenbeschreibung auch heute nicht weniger glaubwürdig. Zumal sich die von der Königin zur „Dame“ Compton-Burnett Erhobene (die 1969 im Alter von 85 Jahren starb) als hervorragende Stilistin erweist, eine Meisterin des boshaften – stets englisch unterkühlten – Witzes, die sich fast ausschließlich des Dialogs bedient. Sie läßt ihre Figuren sprechen, am Frühstückstisch oder in der Bibliothek, läßt die Sätze, die Lügen aufeinander prallen. Andauernd redet man miteinander, ohne sich je etwas Aufrichtiges zu sagen. Von diesem Geschwätz sind auch die jungen Leute nicht ausgenommen, auch wenn deren Worte noch forscher und über zeugender klingen als die ihrer Eltern, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie so werden, wie die es schon sind. Und eine Frage der Tradition.

Manuela Reichart

  • Ivy Compton-Burnett: