Von Theo Sommer

War alles nur ein Fehlalarm? Die CDU-Politiker Wallmann, Weimar und Töpfer hatten von Gerüchten, Hinweisen und Verdächtigungen geredet, daß aus der Bundesrepublik oder über sie spaltbares Material, mit dem sich Atomwaffen bauen ließen, an Pakistan und Libyen gegangen seien; der SPD-Wortführer Hauff verdichtete diese ungeheuerlichen Mutmaßungen über einen westdeutschen Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag bis fast zum Beweis. Aber nun dementieren sie plötzlich alle: die Hanauer Atomfabriken und die im belgischen Mol, die Regierung in Tripolis und die in Islamabad, die Kontrollinstanzen von Euratom und der Internationalen Atomenergiebehörde. Der Staatsanwalt ermittelt, aber bisher ohne greifbares Ergebnis. Hauff bequemte sich zu einem Rückzieher, die verantwortlichen Minister wiegeln ab. War wirklich nichts?

Noch steht der Beweis für die Unschuld unserer Atomindustrie aus. In Wahrheit spielt er aber wohl auch keine Rolle. Selbst die Verantwortlichen haben es in der vorigen Woche erschrocken für möglich gehalten, daß gegen den Sperrvertrag verstoßen worden ist. Nach all dem Herum-Mauscheln und Herum-Manschen, das in jüngster Zeit aufgedeckt worden ist, darf das niemanden verwundern. Der Ernstfall liegt ja allein schon in der Möglichkeit, daß so etwas passieren kann. Passiert es wirklich, so wäre dies das Desaster. Und es hätte passieren können, kein Zweifel.

Die Herren der Atomindustrie, die uns nun treuherzig versichern, das sei ausgeschlossen, verdienen wenig Vertrauen; sie hielten ja auch für undenkbar, was an erwiesenen Durchstechereien inzwischen unbestritten ist: die Schmiergeldaffäre, die Falschdeklaration von Fässern, die Schlamperei bei der Lagerhaltung. Zu den fünfzig Verdächtigen gehören Manager, Sicherheitsbeauftragte, Buchhalter. Die staatliche Aufsicht jedoch hat von alledem nichts gemerkt, sowenig wie Euratom und die Wiener Atombehörde damit zu tun hatten. Auf dem atomaren Verschiebebahnhof hätte durchaus auch waffenfähiges Spaltmaterial an Interessenten in der Dritten Welt gelangen können. Im Wirrwarr der Zuständigkeiten und angesichts der Löcher im Kontrollnetz wäre das schwerlich aufgefallen.

Die Erkenntnis läßt sich nicht mehr abweisen: Unser atomwirtschaftliches System scheint gegen schlimmste Anfechtungen nicht gefeit. Wie es der SPD-Bundestagsabgeordnete Reuter ausdrückte: „Bei wieviel Millionen D-Mark fängt eigentlich die Summe an, wo man Plutonium möglicherweise auch für militärische Zwecke abzweigt?“ In der Tat fragt es sich ja, ob eigentlich 21 Millionen Mark Schmiergelder wirklich nur dafür bezahlt worden sind, daß zweitausend Fässer mit Atommüll vertauscht und verschoben werden konnten. Muß nicht mehr dahinterstecken?

Die Folgerung ist zwingend: Wir müssen uns der Plutoniumwirtschaft fernhalten – auch aus diesem Grunde. Aus für Kalkar, aus für Wackersdorf. Gingen sie in Betrieb, brauchten die kleinen und großen Schieber die abgezweigten Plutoniummengen nicht mehr nach Milligramm zu bemessen, sie könnten es dann in Kilodosen liefern – und würden gewiß auch Mittel und Wege dazu finden. Kontrolle? Entweder sie funktioniert nicht, wie wir es eben erlebt haben – oder sie wird so verschärft, daß wir in der Tat den alle Freiheit abwürgenden „Atomstaat“ bekommen, den Robert Jungk seit langem als Schreckgespenst an die Wand malt. Den zuverlässigen Übermenschen, der dem Umgang mit der Kerntechnik gewachsen ist, wird es nicht geben, auch keine vertrauenswürdige „nukleare Priesterschaft“. Der Mensch bleibt „aus krummem Holze“ geschnitzt; das wußte schon Immanuel Kant. Da ist atomare Abstinenz das beste.

Die Bundesrepublik darf sich nicht dem Verdacht aussetzen, daß sie selbst irgendwelchen Atomwaffen-Ehrgeiz hegt. Sie war über diesen Verdacht nicht immer erhaben – und nährte ihn ja auch weidlich in den langen Jahren des Nörgeins am Atomwaffensperrvertrag (den erst die sozial-liberale Koalition 1969 unterzeichnete, gegen den wütenden Widerstand der Union, die darin ein „nukleares Versailles“ sah und befürchtete, Horden russischer Kontrolleure würden fortan unsere Atomindustrie ausspionieren). Sie verweigerte sich dem Appell der Amerikaner, die Hände von der Wiederaufbereitung zu lassen, und dem der Briten, die Entwicklung des Schnellen Brüters aufzugeben; vielmehr bot sie ihre Wiederaufbereitungstechnik und ihr Anreicherungs-Know-how sogar den Brasilianern an. Noch bei der letzten Überprüfungskonferenz drängte Bonn – neben den Belgiern (!) – auf eine Lockerung der Inspektionsauflagen und sperrte sich gegen den Vorschlag eines internationalen Plutoniumlagers. Nun, da die Immunschwäche unseres Atomsystems augenfällig wird, sollte sich niemand wundern, wenn die alten Zweifel an unserer Atom-Askese allenthalben wieder wach werden.