Von Hansjakob Stehle

Reist der Papst in die Sowjetunion? Johannes Paul II. hat jetzt die Frage, die lange schon durch die Welt geistert, selber aufgegriffen, als er zum ersten Mal den Verein der Auslandspresse in Rom besuchte: „Es müßte ein wahrer Besuch auf eine wahre Einladung sein, und diese ist bis jetzt nicht angekommen“, sagte er. Mit „Wahrheit“ aber meint der Papst, daß er nicht nur dem Patriarchen und dem Parteichef in Moskau begegnen möchte, sondern seinen Gläubigen in Litauen, Lettland und Weißrußland und nicht zuletzt in der Ukraine, wo die Katholische Kirche des byzantinischen Ritus eine „geheime, illegale, nicht anerkannte ist“. Daran erinnerte der Papst, doch vorsichtig vermied er jede Anspielung oder Bewertung von Gorbatschows perestrojka.

Noch hat sich nichts an der sowjetischen Religionsgesetzgebung geändert, die nur religiöse „Kulthandlungen“ und atheistische, nicht aber religiöse „Propaganda“ erlaubt. Nachdem Minister Chartschew, der Vorsitzende des Moskauer Kirchenamtes, bei einem Amerikabesuch Anfang September 1987 zugegeben hatte, es seien „Fehler im Umgang mit der Religion“ begangen, ja, die Trennung von Kirche und Staat sei mißachtet worden, meldete sich zum ersten Mal kritisch ein orthodoxer Bischof der Sowjetunion zu Wort: „Atheistische Artikel und Bücher vergiften das Klima. ... Gläubige werden als Bürger zweiter Klasse behandelt“, die Gesetze seien von lokalen Behörden oft „zum Nachteil der Gläubigen verletzt worden“, so sagte Metropolit Alexej von Leningrad in einem Interview für Moskowskije nowosti. Und genau dies hatte auch Leonid Klesnikow, der Vorsitzende des neu gebildeten Kirchenamtes der russischen Sowjetrepublik, ganz offen zugegeben. Der 81jährige Direktor des Puschkin-Instituts, Dimitrij Lichatschow, der einst lange Zeit in einem stalinistischen Arbeitslager verbracht hatte und heute Raissa Gorbatschowas Kultur-Fonds verwaltet, empörte sich in der Literatumaja Gazeta, daß den Gläubigen oft mit Verachtung und Häme begegnet und die Rolle der Kirche für die Geschichte Rußlands, für seine Literatur, Malerei und Musik mißachtet werde. Eine „wirkliche“ Trennung der Kirche vom Staat, ohne die „meist schweren Einmischungen der jüngsten Vergangenheit“, sei notwendig.

Aufmerksamer als diese Worte notiert man im Vatikan die – freilich spärlichen – tatsächlichen Veränderungen. So sind die Hindernisse für die Registrierung von Kirchengemeinden ein wenig gelockert worden – 1987 wurden zwölf katholische neu zugelassen. Im Juli letzten Jahres konnte sich der philippinische Kardinal Sin – ein Beobachter, der Schläue durch Naivität zu verbergen versteht – fast zwei Wochen lang in der Sowjetunion umschauen, mit dem Segen von Vatikan und Kreml. Im katholischen Litauen, dem ein Papstbesuch verweigert worden war, wurde der Kardinal aus dem Fernen Osten von Zehntausenden, die seine achtzehn vorsichtigen Predigten hörten, wie ein Hoffnungsbote gefeiert. In Moskau bekannte ihm Piotr Demitschew, der Vorsitzende des Obersten Sowjet, es sei ein Fehler gewesen, die Arbeit der Kirchen zu unterdrücken. „Wir wissen, daß die Leute, wenn sie in Todesnot, in Grenzsituationen sind, sich an die Kirchen wenden. Die Menschen möchten sich an den Werten festhalten, die sie in der Vergangenheit liebten. Wir anerkennen das.“

Bald darauf, am 17. September 1987, kam es in der litauischen Hauptstadt Wilna zu einer zweistündigen, erstaunlich freimütigen – später sogar veröffentlichten – Aussprache zwischen kommunistischen Spitzenfunktionären, Bischöfen und höheren Geistlichen. Auch hier wurden „Fehler“ zugegeben. Der Vorsitzende des litauischen Obersten Sowjet unterstützte die Forderung nach „mehr Mitsprache“ der Kirche bei der Auswahl von Priesterseminaristen (ein Geständnis fatalster Einmischung!), und der Chefideologe der litauischen Kommunisten gab „berechtigte Forderungen“ der Gläubigen zu.

Die Hälfte der etwa 450 aus religiösen Gründen in Lagern, Gefängnissen und Nervenheilanstalten festgehaltenen Gläubigen verschiedener Bekenntnisse ist – wie die in Rom vorliegenden Nachrichten zeigen – seit dem Amtsantritt Gorbatschows freigelassen worden. Zu ihnen gehört auch Josip Terelja, Sprecher der „unierten“ ukrainisch-katholischen Kirche des byzantinischen Ritus. Diese Kirche ist 1946 unter stalinistischem Druck aufgelöst und dem orthodoxen Moskauer Patriarchat angeschlossen worden, doch lebt sie unter Hunderttausenden papsttreuen Ukrainern als eine Art Katakombenkirche weiter. Obschon eingeschüchtert durch andauernde Polizeiaktionen gegen ihre „privaten“ Gemeinden, doch nun auch ermutigt durch Gorbatschows glasnost, tauchten im August 1987 plötzlich über zweihundert Gläubige und Priester, darunter zwei Geheimbischöfe, aus dem ukrainischen Untergrund auf. Geführt von Terelja beantragten sie in Moskau die Legalisierung ihrer Religionsgemeinschaft. Dies hat gewisse Ratlosigkeit im Kreml erzeugt, wo man gerade jetzt wider national-religiöse Spannungen noch Reibungen mit der orthodoxen Kirche brauchen kann. Aber auch im Vatikan entstand spürbare Verlegenheit. Denn dort kannte man bereits den Text eines ungewöhnlichen, 250 Druckseiten langen Interviews, das der Moskauer Patriarch Pimen dem italienischen, kommunistischen (auch außerhalb seiner Partei angesehenen) Vatikan-Experten Alceste Santini gegeben hatte.

Unter dem Titel „Tausend Jahre Glaube in Rußland“ gab es da nicht nur zum ersten Mal eine breite Selbstdarstellung der orthodoxen Kirche zu ihrem kommenden Jubliäum, sondern massive Polemik gegen „einige wenig objektive Äußerungen Johannes Pauls II. über unser Land und über das sozialistische System“. Entschieden lehnte der Patriarch auch den „Uniatismus“ ab, wie ihn die ukrainisch-katholische Kirche als Vereinigungsmodell verkörpern will. Aufgeschreckt durch diese Kritik, die als Vorabdruck in einer katholischen Zeitschrift im Herbst 1987 erschien, setzte man im Vatikan alle Hebel in Bewegung, um gerade jetzt den Kontakt nach Moskau nicht zu verlieren.