Von Sibylle Krause-ßurger

Ein grauer Schopf, nur wenig ausgedünnt. Wildausbrechende Brauen, darunter ein auf kess dressierter Erobererblick. Die Fußspitze am übergeschlagenen Bein wippt exakt zum Takt der kleinen Kammermusik, die gerade den Gobelin-Saal im Bonner Hotel Dreesen erfüllt. Und während sich dem Rest der Gesellschaft noch ein Extra-Quentchen Ergriffenheit in die Festtagsmimik schleicht, zischt dieser Mittsiebziger bekennerisch und Bewunderung heischend ins zufällig benachbarte weibliche Ohr, was ihn „vom Stuhl reißt“: Pah, beileibe nicht die barocken Klänge; ihn fasziniert etwas völlig anderes: „Schöne Frauen, meine Gnädigste, schöne Frauen.“

Da dreht er die Wasserblauen erst richtig auf, wartet auf Wirkung, reicht auch – wie unter alten Bekannten – seine Brille herüber und wünscht Erläuterungen zum Text des Programms. Beim Adagio läßt er schnell wissen, wann er zu sprechen und zu jeder Auskunft bereit sei, nach dem Allegro gibt es keinerlei Zweifel mehr: der hingerissene Verehrer vollendeter Weiblichkeit zählt hier, wo Karl Günther von Hase (zuerst Regierungssprecher, zuletzt Intendant beim ZDF) seinen siebzigsten Geburtstag feiert, zu den Unentbehrlichen. Er ist es gewohnt, daß viele Sonnen ihn bescheinen. Ein Schauspieler? Carl Heinz Schroth vielleicht? Ach nein, so sieht er nur aus.

Aber der muß er sein, und der ist er auch: Sigismund von Braun. Ende der sechziger und danach noch einmal, Mitte der siebziger Jahre, war er Botschafter der Bundesrepublik in Paris, Sigismund, den sie den „schönen“ nennen und der, wie man als gründlicher Zeitungsleser noch weiß, nicht nur in den Begegnungen mit einer schottischen Herzogin manches Abenteuer zu bestehen hatte. Ein Diplomat außer Diensten. Das sind die meisten auf diesem Empfang. Paar um Paar tröpfeln sie im Laufe des Abends aus der Winterluft herein, suchen erst einmal, brav und durch mehrere Möglichkeiten verwirrt, nach einer Ablage für ihre Garderobe und reihen sich dann geduldig ins Defilee, um Glückwünsche und Geschenke abzuliefern. Verbeugungen, Handküsse, Komplimente: Einst half ihnen das Korsett der Konventionen den Überschuß des Lebens in Schranken zu halten, jetzt dient es dazu, die Reste davon ab und an im alten Glanze noch einmal aufscheinen zu lassen.

„Mumien“ nennen die Jüngeren und noch Aktiven im Auswärtigen Dienst bisweilen diese Garde der „Ehemaligen“. Doch als die Saaltöchter mit den Getränken die dritte Runde hinter sich haben, heben sich die Stimmen, vernetzt sich auch das bis dahin lose Beieinander der Gruppen. Die männlich gewordenen Gesichter unter Schminke und toupierten Locken verschwimmen wieder ins Weibliche zurück. Und neben Herrn Don Juan von Braun erinnern sich auch andere ältere Herren an ihr Talent, bezwingend zu blicken. Da lodert noch Feuer in dieser und jener schon leicht gebeugten Gestalt.

Im Ruhestand sind sie, als ruhiges Völkchen mag man sie gleichwohl nicht bezeichnen. Das macht der Nachklang der Spannungen aus den Jahrzehnten ihres beruflichen Lebens, aber das macht wohl auch die Natur, die einer mitbringen muß, um darin bestehen zu können und sich wohl zu fühlen. Denn wenn schon nicht jeder den äußersten Wagnissen zuneigt, ein bißchen Abenteurertum steckt dennoch in allen ihren Karrieren. Sogar an der Laufbahn Karl Günther von Hases, eines Preußen von Geblüt und Gesinnung in der besten Bedeutung des Wortes, muß die Bereitschaft zur Veränderung als das Beständigste erscheinen. Wie sonst hätte er nicht nur Sprecher und Intendant, sondern auch Staatssekretär im Verteidigungsministerium und Botschafter in London sein können?

Zwei Leben zumindest hat jeder Diplomat in seinen Berufsjahren gelebt: das eine in der Zentrale; das andere draußen in der Welt, „auf. Posten“, als Repräsentant eines der sieben einflußreichsten Industriestaaten, protokollarisch gesehen als der persönliche Vertreter des Bundespräsidenten, als Herr oder Frau Bundesrepublik. Zwar unterscheidet sich der Dienst in der Bonner Adenauerallee nicht wesentlich von dem in der Hierarchie anderer Ministerien. Es ist eine Beamtenexistenz, befrachtet mit Fachwissen, gebunden an strenge Regeln und Weisungen. Und auch die Arbeit im Ausland, selbst an der Spitze einer Botschaft, ist kaum noch vergleichbar mit jener des Fürsten Metternich in Paris oder der Otto von Bismarcks in Petersburg. Seit die Menschen über Kontinente hinweg miteinander telephonieren, seit dem Aufleben der Reisediplomatie, seit die Außenminister, die Staats- und Regierungschefs selbst in den großen Hauptstädten einfliegen, und erst recht seit der deutsche Kollege wie kein anderer seine Fähigkeit zur Allgegenwart unter Beweis stellt, überwiegt das Technisch-Wirtschaftliche und das Konsularische an dem einst königlichen Geschäft. Und doch: daß sie überhaupt zwischen drinnen und draußen pendeln und daß sie dabei mehr Länder, und Menschen kennenlernen als die große Mehrzahl ihrer Zeitgenossen, dies insgesamt sorgt schon – wo sonst nur Lebensströme fließen – für einen ganz besonderen Saft.