Die Weltpolitik vor der Wende?
Gorbatschows „Neues Denken“ verlangt eine Antwort vom Westen
Von Marion Gräfin Dönhoff
Wer bei jener historischen Reise mit dabei war, die Konrad Adenauer im Jahr 1955 nach Moskau unternahm, um die diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion aufzunehmen, der wird sich erinnern, wie Chruschtschow bei jeder Gelegenheit mit stolz geschwellter Brust versicherte: „Die DDR, das ist das System der Zukunft.“ Fast mitleidig wurde dem Bundeskanzler immer wieder erklärt, daß die Bundesrepublik einer veralteten, zum Untergang verdammten Welt angehöre. Das hat sich geändert. Heute würde keiner im Ostblock diese Behauptung noch aufstellen.
Weil dies so ist, sind die sozialistischen Länder im Begriff, ihre Haltung gegenüber der Bundesrepublik zu ändern, und daraus folgt wiederum die eifrige Reiseaktivität der Bonner Politiker. Bundeskanzler Kohl ist in dieser Woche in Prag, Außenminister Genscher führte vor zwei Wochen Verhandlungen in Warschau, wohin der Kanzler im Sommer zu einem entscheidenden Besuch aufbrechen wird. In der zweiten Jahreshälfte wird dann vielleicht seine Begegnung mit Generalsekretär Gorbatschow stattfinden.
Inzwischen ist der mit Spannung erwartete sowjetische Außenminister Schewardnadse in Bonn gewesen. Ein Gefühl der Enttäuschung ist zurückgeblieben, doch diese war selbst fabriziert: Das Bundeskanzleramt hatte zuvor behauptet, aus guter Quelle zu wissen, daß der Generalsekretär noch vor der Sommerpause nach Bonn kommen werde. Eine Information, die das Auswärtige Amt von vornherein bezweifelt hatte und die sich dann auch als Irrtum erwies. Leider aber war sie in stolzer Rechthaberei bereits in alle Welt hinausposaunt worden.
Schewardnadse annoncierte also nicht den Besuch Gorbatschows, sondern überbrachte eine Einladung an Kohl, im Mai nach Moskau zu kommen. Kohl aber war beleidigt: Man könne den deutschen Kanzler nicht einfach bestellen. Er sagte ab. Der erste Fehler wurde durch einen zweiten gekrönt. Was für eine Chance ist da ausgeschlagen worden: Noch vor dem nächsten Gipfel mit Gorbatschow zu reden – jeder andere Staatsmann hätte viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dies zu erreichen. Also wieder nichts.
Wir haben in dieser Zeitung seit über 30 Jahren, lange vor dem Antritt der sozial-liberalen Koalition, für eine aktive Ostpolitik plädiert: sowohl nach dem Tod Stalins im Frühjahr 1953 wie nach dem 17. Juni des gleichen Jahres und wiederum 1956 nach dem XX. Parteitag, auf dem Chruschtschow die Verbrechen Stalins anprangerte, um sich und die neue Führung auf diese Weise von jener Epoche zu distanzieren.






