Sein Rivale Rocard will es noch einmal wagen

Von Roger de Weck

Paris, Ende Januar

Am vergangenen Samstag trafen sich heimlich zwei Männer zum Frühstück im Elysée-Palast – zwei Männer, die sich seit ein paar Wochen nicht gesehen hatten; zwei Sozialisten, die einander seit dreißig Jahren ständig in die Quere kommen. Der eine, François Mitterrand, ist der Präsident der Republik, der andere, Michel Rocard, möchte es werden.

Niemand weiß, was die beiden Rivalen bei Kaffee und Croissants vereinbart haben. Wird sich der 71jährige Mitterrand in drei Monaten zur Wiederwahl stellen? Oder gibt er endlich dem 58jährigen Rocard eine Chance? Gespannt harren die Franzosen der Antwort, aber sie werden sich gedulden müssen: Erst Anfang März will sich François Mitterrand festlegen. Der Hausherr des Elysée läßt ganz Frankreich zappeln.

Und Frankreich zappelt nicht ungerne. Den meisten Franzosen bereitet es großen Spaß, darüber zu spekulieren, ob nun „Tonton“ (Önkelchen, so Mitterrands Spott- und Kosename) wieder antreten wird oder nicht. Dabei macht sich im Grunde niemand etwas vor. Es wäre eine riesige Überraschung, wenn der Vollblutpolitiker Mitterrand, der so beliebt ist wie noch nie, in den Ruhestand treten wurde. Also wird Rocard nichts anderes übrigbleiben, als noch ein paar Jahre im Wartestand zu verbringen.

Es sei denn, daß die zwei führenden Sozialisten, die sich schon seit 1959 befehden, jetzt doch noch zueinander finden. Mitterrand hat seinen Widersacher stets niedergehalten. Als der neugewählte Präsident 1981 die Ministerposten vergab, erhielt Rocard nur Prügel. Mit Bedacht verbannte ihn François Mitterrand ins völlig belanglose Planungsministerium, wo nichts auszurichten war. Und nicht ohne Hintergedanken berief er ihn später zum Landwirtschaftsminister. Doch das Kalkül, Michel Rocard werde in diesem undankbaren Amt die Gunst der Franzosen verwirken, ging nicht auf: All die Jahre übertraf Rocards Popularität jene seines Peinigers Mitterrand.