Von Irmgard Bayer

Jetzt hat es Hannes Androsch also doch noch erwischt: Der ehemalige Finanzminister der Republik Österreich, der seit 1981 Generaldirektor der Creditanstalt-Bankverein, der größten Bank des Landes, ist, wurde wegen falscher Zeugenaussage in erster Instanz verurteilt. Noch zu seiner Zeit als Finanzminister, so befand das Gericht, habe er vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß falsche Angaben über sein Vermögen gemacht. Androsch war in den Verdacht geraten, über Firmenkonstruktionen am Neubau des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) in Wien mitverdient zu haben. Um dieses Bauvorhaben hatte es eine Korruptionsaffäre gegeben. Vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß zur Klärung der Vorgänge hatte Androsch Wertpapierkonten als Konten eines „Wahlonkels“ ausgegeben. Die aber gehörten nach Auffassung des Richters ihm selbst. Damit bekamen frühere Vermutungen neue Nahrung, Androsch habe als Finanzminister Steuern hinterzogen und damit zumindest zum Teil den Kauf seiner Villa finanziert.

Schon seit Jahren laufen Verfahren gegen Androsch in dieser Sache. Doch bisher war es ihm immer wieder gelungen, den Verdacht der Finanzbehörden zu zerstreuen. Nun hat ein Richter die Version vom Wahlonkel – der alte Herr ist mittlerweile gestorben – nicht mehr geglaubt. Androsch wurde wegen falscher Zeugenaussage verurteilt. Das Gericht zeigte sich dabei überraschend hart und verhängte eine Geldstrafe von umgerechnet 140 000 Mark. Könnte Androsch nicht zahlen, müßte er ersatzweise gleich für ein halbes Jahr hinter Gitter. Androsch hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Persönlich, beruflich und politisch steht es nun bis auf weiteres schlecht für den Erfolgstyp Hannes Androsch, der einst Vizekanzler einer sozialistischen Regierung war. Er wird seine Position in der Creditanstalt aufgeben müssen und hat wohl noch ein ganzes Bündel von weiteren Verfahren am Hals, in denen abermals hohe Geldstrafen drohen. Beruflich wird sich der bald fünfzig Jahre alte gelernte Wirtschaftstreuhänder in seine Steuerberatungskanzlei „Consultatio“ zurückziehen können. Diese Kanzlei und ihr schnelles Wachstum während seiner Zeit als Finanzminister waren vor rund zehn Jahren für Österreichs Zeitungen der Anlaß für die ersten Recherchen gegen ihn.

Politisch hingegen werden Hannes Androsch in den nächsten Jahren sicher alle Türen verschlossen bleiben. Bis zuletzt hat er seine Tätigkeit als Bankdirektor wohl nicht als seine wahre Berufung angesehen und auf ein politisches Comeback gehofft. Selbst wenn es ihm gelingt, sich im Wege der Berufungsverhandlungen doch noch reinzuwaschen, dürfte es Jahre dauern, bis alle Ermittlungen und Prozesse abgeschlossen sind.

Hannes Androsch hat die Österreicher in Anhänger und Gegner gespalten wie kaum ein Politiker vor ihm. Schon als 32jähriger wurde er 1970 von Kanzler Bruno Kreisky gefragt, ob er sich das Amt eines Finanzministers zutraue. Kreisky hatte damals erstmals die Mehrheit für die SPÖ gewonnen. Und da es Androsch nie an Ehrgeiz und Selbstbewußtsein mangelte, griff der Nachwuchspolitiker sofort zu. Seine Ausbildung zum Steuerberater empfahl ihn für dieses Amt. Als er ins Ministerium zog, hielt er den Interessenkonflikt, der sich zwischen dem Amt des Finanzministers und seinen Interessen als Steuerberater ergab, dadurch für gelöst, daß er die Gesellschaft „Consultatio“ gründete. Die Gesellschaft blieb mehrheitlich im Eigentum seiner Familie. Jahre später antwortete Androsch auf die Frage, warum er sich nie ganz von der Consultatio gelöst habe: Man könne von einem jungen Mann nicht erwarten, daß er seine berufliche Zukunft ganz der Politik opfere. Er habe sich absichern wollen für den Fall, daß er eines Tages der Politik den Rücken kehren würde. Kreisky sei davon informiert gewesen.

Bruno Kreisky betrachtete den jungen, attraktiven Androsch als eine Art politischen Ziehsohn, und Androsch folgte anfangs brav Kreiskys Vorstellungen von einer sozialistischen Wirtschaftspolitik. Ein ganzes Füllhorn von Beihilfen und Gaben – vom Gratisschulbuch bis zu Prämien für Heirat und Kinder – wurde über die Österreicher ausgeschüttet. Vieles muß nun wieder abgeschafft werden, weil das Geld fehlt.