Von Michael Sontheimer

Die Atomenergie hat es in sich.“ Joschka Fischer lächelt maliziös, dann lehnt er sich zufrieden hinter seinem Schreibtisch im Wiesbadener Landtag zurück. „Wir haben den Verdacht, daß dies alles noch immer nur der Anfang ist“, erklärt er. „Erst Transnuklear, dann Nukem, was bitte kommt als nächstes?“ So gut gelaunt hat man den bislang einzigen grünen Minister selten gesehen, seit er wegen seiner Ablehnung einer Betriebserlaubnis für die Hanauer Alkem von den Sozialdemokraten entlassen wurde. Fischer weiß: Je erschütternder der Atomskandal, um so stabiler seine angeschlagene Partei, die wieder einmal in ihrem tiefen Unglauben an die sichere Beherrschbarkeit der Atomenergie bestätigt wird.

Nach Dokumenten und Aussagen, die der ZEIT vorliegen, ist Joschka Fischers Vermutung, daß noch etliche Details und Weiterungen des Atomskandals im dunkeln ruhen, nicht unbegründet. Weshalb zum Beispiel bekamen TÜV-Mitarbeiter von der Transnuklear Geschenke, oder warum kassierte ein Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) von der Nukem 45 000 Mark? Weshalb hielt die Transnuklear in Bordellen nicht nur Männer aus diversen Atomkraftwerken, sondern auch Mitarbeiter der Kernforschungszentren in Jülich und Karlsruhe frei? Setzte die Nukem ebenfalls im Stil der Transnuklear „nützliche Aufwendungen“ ein, wie man verschämt die Korruptionalien aller Art in der Wirtschaft nennt?

Nach den Belegen der schwarzen Kasse,durch die bei der Transnuklear Millionen flossen, wurden in den vergangenen Jahren im Monat bis zu 30 000 Mark für Bordellbesuche aufgewendet. Im Münchner „Studio Chan Pan“ oder im „Top Secret“ in Quickborn, bei „Tante Anna“ in Essen oder im „Colibri“ in Hamburg-St. Pauli, die Transnuklear kaufte ihren Kunden munter Prostituierte. In den Genuß von Bar- und Bordellbesuchen kamen nicht nur die Mitarbeiter von fünf bundesdeutschen Elektrizitätskonzernen und diversen Atomreaktoren von Brunsbüttel bis Phillipsburgh, sondern auch ausländische Geschäftsfreunde der schwedischen Atommüllverarbeitungsanlage in Studsvik oder der Bernischen Elektrizitätswerke in der Schweiz.

Die Großzügigkeit gegenüber den Mitarbeitern von Stromkonzernen und Atomkraftwerken hat Sinn, schließlich bekam die Transnuklear (TN) von ihnen ihre Aufträge. Noch unklar ist, warum auch Angestellte der beiden Kernforschungszentren in Jülich und Karlsruhe auf den Bordellrechnungen der TN auftauchen. Mit Jülich kooperierte man für den Hochtemperatur-Reaktor bei Hamm, mit den Karlsruhern machte die TN-Muttergesellschaft Nukem gerne Geschäfte, möglicherweise gehörten die Abstecher ins Bordell lediglich zu den üblichen Gepflogenheiten der Nuklearwirtschaft.

Den TN-Managern war es ein leichtes, zunächst mit kleinen, dann mit größeren Geschenken, schließlich mit Bargeld die für die nukleare Entsorgung Verantwortlichen, darunter vier Strahlenschutzbeauftragte, zu kaufen – und damit erpreßbar zu machen. Während die Ermittlungsbehörden ein halbes Jahr fälschlicherweise glaubten, Sicherheitsbelange seien nicht betroffen, es handele sich lediglich um „kommerzielle“ Bestechung, macht die Entdeckung der Atommüllpanscherei und der Fälschung von Transportpapieren endlich plausibel, warum Sicherheitsbeauftragte auf den Schmiergeldlisten standen.

Als Hans-Joachim Fischer Anfang vergangenen Jahres in Hanau seinen neuen Job als kaufmännischer Geschäftsführer der Transnuklear antrat, hatte er sich von alldem nichts träumen lassen. Im Februar stieß er aber schon auf erhebliche Unregelmäßigkeiten, mit seiner Strafanzeige „gegen Unbekannt“ ließ er sich allerdings noch fast zwei Monate Zeit – bis Walter Wallmann bei den hessischen Landtagswahlen einen hauchdünnen Sieg erzielt hatte.