Fußgänger am Straßenrand. Sie stehen vor der Ampel und warten auf Grün. Alte und Junge, Dicke und Dünne, Langsame und Schnelle. Die Ausgangssituation ist für alle gleich.

Aber dann, kaum daß Grün gekommen ist, ist nichts mehr gleich: Die Langsamen erreichen gerade noch die Verkehrsinsel, die die mehrspurige Fahrbahn halbiert; die Schnellen schaffen es ohne Zwischenaufenthalt; die Alten, die bei Grün erst mit Verzögerung losmarschiert sind, sehen schon wieder Rot, bevor sie überhaupt die Verkehrsinsel erreicht haben.

Wo auch immer der Mensch mit Ampeln konfrontiert wird, ob in Moskau oder New York, ob in Anchorage oder in Buxtehude, weiß er, was das bedeutet. Grün bedeutet: du darfst; Rot: du darfst nicht. Keine andere technische Erfindung unserer Tage hat uns so „gleichgeschaltet“. Mittlerweile freilich so perfekt, daß die Sittenwidrigkeit des falschen Gehens nach Bruchteilen von Sekunden ausgelotet ist. Für Dicke wie Dünne, Alte wie Junge, Schnelle wie Langsame. So kommt es, daß an manchen Kreuzungen die Farben schneller springen als die Menschen.

Ich weiß nicht, wie es in Anchorage ist. Aber ich weiß, wie es bei uns in Altona an der Kreuzung Behringstraße/Hohenzollernring zugeht, wenn die Fußgänger losgeschickt werden über eine sechsspurige Rennstrecke mit zwei Verkehrsinseln. Hier kommt keiner in einem Rutsch rüber, der nicht vorher den Tiefstart geübt hat.

Und dann kommt er, der Siebzig- oder gar Achtzigjährige. Nicht in Turnschuhen, aber mit einem Stock, den er wohl zu handhaben weiß. Natürlich, er schafft es nur bis zur ersten Insel. Aber er will mehr. Manchmal will er auch nur provozieren. Und dann geht er weiter, während die Ampel längst auf Rot steht. Bremsen quietschen, Autofahrer schimpfen. „Opa“ kommt gerade noch davon.

Im DVR, dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat, wurde kürzlich für das Jahr 1987 Bilanz gezogen. Danach ist das Risiko, als Fußgänger auf unseren Straßen tödlich zu verunglücken, für alle, die über 65 Jahre alt sind, etwa sechsmal so hoch wie für die jüngeren.

Nun leben in der Bundesrepublik gegenwärtig mehr als neun Millionen Frauen und Männer, die 65 Jahre alt und älter sind. Das sind rund 16 Prozent der Bevölkerung. 4,9 Millionen davon sind 65 bis 75, 4,3 Millionen älter als 75 Jahre. Und die meisten von ihnen haben mit „gleichgeschalteten“ Ampeln zu tun.