Von Ulrich Stock

Kiel

Was machen die schleswig-holsteinischen Grünen eigentlich so? Bald sind Wahlen (am 8. Mai), von den Grünen aber hat man monatelang nichts gehört oder gelesen, nicht einmal, daß sie im Streit lägen. Gibt es sie noch?

In Kiel, Feldstraße 77, steht auf dem Hinterhof zwischen Autowerkstatt und Heizungsbau nach wie vor das Haus, in dem der Landesverband vor Jahren Quartier bezogen hat. Unten an der Tür klebt in großen grünen Buchstaben „Landtag ade“. Soll sich das nun auf den 13. September 1987 beziehen, an dem 96,1 Prozent der Wähler nicht grün stimmten? Oder gilt es der Zukunft: Sitzt in Kiel eine grüne Avantgarde, die sich vom Parlament schon wieder verabschiedet hat, ohne je einen Sitz erobert zu haben?

Im Büro scheint alles unverändert: Sechs, sieben Grüne rauchen und trinken Kaffee, telephonieren emsig oder sitzen an der Schreibmaschine um – wie seit Jahren – die Lage ihrer Partei in Thesenpapieren zu ergründen, die der große Kopierer im Flur dann hurtig vermehrt. Freilich sind die Gesichter fast alle neu, aber was zählen Gesichter, wo doch die politischen Inhalte das Wichtigste sind. Die drei netten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich Zeit für die Presse nehmen, wirken ein wenig müde, enttäuscht, und um so verwunderlicher ist es, daß sie von einer „Aufbruchsstimmung“ sprechen, die sie ergriffen habe und von einer „Offensive“, in die sie jetzt gehen wollen.

2000 Mitglieder hat die Partei in Schleswig-Holstein. Woran liegt es, daß sie in den Kreisen und Städten im Land so gut vertreten ist, aber dreimal den Sprung ins Parlament nicht geschafft ha:? Nun, das erste Mal, 1979, scheiterten die Grünen an sich selbst. Die konservative „Grüne Liste“ und die linke Partei „Die Grünen“ hatten erst wenige Monate vor dem Wahlsonntag zueinandergefunden und bildeten noch kein richtiges Ganzes: 2,4 Prozent. Beim zweiten Anlauf, 1983, war die Kraft gebündelt, aber es galt zweimal zu springen: am 6. März in den Bundestag und eine Woche später in den Landtag. Für Bonn reichte es, nicht für Kiel: 3,6 Prozent.

Aufmerksame Grüne bemerkten schon damals, daß ihre Konkurrentin SPD in Bund und Land verschiedene Gesichter zeigt: hie der lahme Vogel, dort der smarte Engholm. Und da viel wichtiger noch als die Gesichter die politischen Inhalte sind: hier eine SPD, die im Zickzack um die Mittellinie läuft, dort eine, die linksaußen angreift. Vergeblich versuchten die Grünen dem Wahlvolk klarzumachen, daß das progressive Bild der schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten nur der jahrzehntelangen Opposition zu verdanken sei. Dort, wo die Nordgenossen in den Kommunen regieren, könne man beobachten, wie sie fleißig Schnellstraßen bauen und sich die Interessen der Industrie zu eidas für eine SPD, die immer nur rot sieht, wenn sie grün hört.