Die Dividenden mancher Aktien können mit den Zinsen von Staatsanleihen mithalten

Nach Wall Streets Börsencrash vom 19. Oktober 1987 sind die Kurse in deutschen Börsensälen um über ein Drittel gesunken, und die Stimmung der Börsianer ist noch tiefer gefallen. Was die „Alt-Aktionäre“ ärgern muß, kann jedoch für Anleger, die sich jetzt in den Markt einkaufen oder nachkaufen wollen, eine reine Freude sein. Viele Papiere sind nämlich inzwischen auf einem Kursniveau angelangt, wo es die Dividendenrendite durchaus mit der von Staatsanleihen aufnehmen kann. Im Durchschnitt liegt die Aktienrendite heute um 1,5 Prozent unter der von Anleihen. Noch geringer war die Differenz in den vergangenen beiden Jahrzehnten nur einmal – 1978 sank dieser Abstand kurzfristig auf ein Prozent.

Allerdings wäre es verkehrt, jetzt einfach auf die Papiere mit den höchsten Renditen zu setzen. Schließlich, daran zweifelt kaum jemand, bleiben die Konjunkturzeiten hart, so daß manch Unternehmen möglicherweise seine Ausschüttung nicht wird halten können. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und jede Dividende daraufhin abzuklopfen, wie sicher sie in Zukunft ist. Aber auch bei kritischer Analyse bleibt eine ganze Reihe von Unternehmen übrig, bei denen die Rendite selbst skeptische Zeitgenossen zu locken beginnt:

Bayer ist besser in Form denn je. Das illustriert beispielsweise der Zinssaldo: Weniger als 350 Millionen Mark, so Bayer-Chef Hermann J. Strenger, habe der Chemiegigant 1987 weltweit mehr an Zinsen zahlen müssen, als er einnahm. Noch 1981 mußten hingegen (netto) 1,6 Milliarden Mark an Banken und Anleihenbesitzer überwiesen werden. Allein diese Verbesserung macht rund acht Mark pro Aktie aus, ein Viertel des heutigen Gewinns.

Insgesamt dürften die Leverkusener wohl auch dieses Jahr wieder so um die 32 Mark pro Aktie verdienen. Die Dividende von zehn Mark erscheint daher völlig ungefährdet, sie könnte für 1987 allenfalls noch durch einen Bonus zum hundertjährigen Bestehen verbessert werden. Aber auch so errechnet sich einschließlich Steuergutschrift schon eine Rendite von gut sechs Prozent.

1987 haben die deutschen Stromversorger noch einmal kräftig investiert, schätzungsweise 16 Milliarden Mark, von nun an gehts bergab. Nach den Investitionsplanungen sollen schon 1990 etwa 44 Prozent weniger in neue Kraftwerke, Leitungen und Anlagen gesteckt werden. Bis in die neunziger Jahre werden auch die Stromkapazitäten kaum noch aufgestockt. Das wird in den nächsten Jahren die Zinsen, Abschreibungen und Anlaufkosten kontinuierlich zurückgehen lassen und die Auslastung der Kraftwerke verbessern.

RWE-Chef Friedhelm Gieske sagte deutlich: „Wir haben jetzt die Talsohle im Ertrag von drei Jahren Dauer durchgestanden.“ Schon im Mitte vorigen Jahres beendeten Geschäftsjahr 1986/87 kletterte der Gewinn pro Aktie bei RWE von 17 auf 18 Mark. Bei auch weiterhin steigenden Erträgen ist die Dividende von acht Mark sicher. Bei Kursen der Vorzugsaktie um 200 Mark liegt die Rendite vor Steuern deutlich über sechs Prozent.