Der Degussa-Chef soll in Hanau aufräumen

Von Rainer Hupe und Hans Otto Eglau

Gert Becker ist kein Mann der großen Worte. Auf Fragen antwortet er präzise, mit freundlicher Geduld und leiser Stimme, nie kommt ein Satz zuviel. Im Aussehen und Auftreten wirkt Becker immer zurückhaltend und etwas farblos. Selbstdarstellung ist seine Sache nicht. Wenn er überhaupt etwas vermitteln will, gar Journalisten, dann daß er seine Aufgabe sachorientiert, rational und gewissenhaft löst. Als etwa die Welt am Sonntag einmal die Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Unternehmen danach fragte, welche ihre schwerste Entscheidung gewesen sei, und sich seine Kollegen teils wortreich darüber ausließen, war Beckers Antwort die kürzeste: „Da meine schwerste geschäftliche Entscheidung noch vor mir liegt, kann ich naturgemäß noch nicht darüber berichten.“ Das Wörtchen „naturgemäß“ fiel dabei wohl nicht zufällig.

Das war 1983, und Becker amtierte mit 49 Jahren bereits fünf Jahre als Vorstandsvorsitzender des Frankfurter Unternehmens Degussa, das 1873 als Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt gegründet worden war. Bis dahin und auch noch in den nächsten Jahren lehnte er in schöner Regelmäßigkeit alle Interviewwünsche ab. Er habe das nie verstanden, sagt er noch heute, wenn Kollegen „wie Schnellboote“ durch die Medien pflügen und dabei „große Wellen schlagen“.

Inzwischen hat er seine Meinung aber offensichtlich ein wenig geändert. Denn im vergangenen Jahr stand er immerhin zwei Wirtschaftsblättern Rede und Antwort. Auch auf die Frage nach der schwersten geschäftlichen Entscheidung könnte er jetzt wohl eine positive Antwort geben. Denn ganz freiwillig hat Becker mit der Degussa, die zwar zu 35 Prozent an der Nukem beteiligt, aber im öffentlichen Bewußtsein nie direkt mit der Atomwirtschaft in Verbindung gebracht worden ist, die unternehmerische Verantwortung bei den Hanauer Skandalbetrieben sicher nicht übernommen. Er vergißt ja auch nie zu erwähnen, dies sei „auf Wunsch der übrigen Gesellschafter“ geschehen.

Wer mit Becker darüber spricht, erfährt allerdings offiziell nur, daß dieses Engagement logisch, vernünftig und auch im Interesse der Degussa-Aktionäre ist. Das RWE, Deutschlands größter Stromproduzent, der mit 45 Prozent an der Nukem beteiligt ist, habe diese Aufgabe nicht übernehmen können. Dem wird man kaum widersprechen, denn allzugroß sind die möglichen Verstrickungen des Energieversorgers in die Schmiergeldaffäre der Hanauer Nuklearfirmen. Also übernahm Becker vom RWE-Vorstandsvorsitzenden Franz Josef Spalthoff den Vorsitz im Aufsichtsrat bei der Nukem. Obendrein habe die Degussa auch das größere Fachwissen. Sein Vorstandskollege Bernhard Liebmann, Mitbegründer der Nukem, die 1960 aus einer Abteilung der Degussa gebildet wurde, sei als Geschäftsführer der Nukem der richtige Mann. Und die regionale Nähe zu den Hanauer Skandalunternehmen spreche auch dafür, daß die Degussa die beste Besetzung der neuen Rolle sei.

Becker beharrt auch darauf, das sei zunächst und vor allem eine reine Managementaufgabe. Es gehe darum, bei der Nukem und deren Tochterfirma Transnuklear einen geordneten Geschäftsbetrieb wiederherzustellen und die Betriebsgenehmigung wiederzuerlangen. Länger als drei Monate, so meint er, dürfe das nicht dauern, denn danach drohe die Nukem völlig zu zerbrechen.