Franz Schubert: „Die späten Klaviersonaten“

Maurizio Pollini: ein Perfektionist, der mit stupendem manuellen Geschick allenthalben die Pianisten-Kollegen das Fürchten lehrt. Auch bei jenem korpus postumum, das zwei Monate vor Schuberts Tod (1828) entstand und erst im nachhinein publiziert wurde. An dessen immer noch vernachlässigten, auch heute noch nicht restlos entschlüsselten Botschaften aus einer sehr fernen Welt scheiden sich nach wie vor die Geister. Die lange Aufnahmesequenz, begonnen 1983 im Wiener Musikverein, fortgeführt in der Pariser Salle Wagram (1985) und erst im Juni des letzten Jahres in München beendet (Herkules-Saal), läßt auch bei Pollini Rückschlüsse auf mancherlei Skrupel zu. Immer wieder hat er bereits Eingespieltes verworfen. Der an das eigene Vermögen wie an die elektroakustische Umsetzung geknüpfte Anspruch erlaubt ihm keinerlei Kompromiß. Am Vorbild der großen Schubert-Interpreten Alfred Schnabel, Eduard Erdmann, Rudolf Serkin und Wilhelm Kempff orientiert, jedoch im diametralen Bezug zu Alfred Brendels Grübelei und Versponnenheit, liefert Pollini ganz neue Farbtönungen, sportive Rhythmen und atemraubende poetische Klangwunder. Eine moderne Exegese, die in der Betonung der horizontalen und vertikalen Stimmverläufe bereits auf Schönbergs Satzstruktur verweist und die Gebrochenheit von Inhalt und Form besonders auch bei Übergängen erkennen läßt – eine triumphale Neuedition. (DG 419 229-2)

Peter Fuhrmann

Rainbirds: „Rainbirds“

Den Assoziationen nach zu urteilen, welche die hier zu hörenden Gitarrenklänge wachrufen, würde man als Entstehungsort dieser Platte eher ein amerikanisches denn ein Berliner Tonstudio vermuten. Der Minimal-Pop von Tom Verlaines Television klingt sofort bei den ersten Akkorden von Boy On The Beach an, mit psychedelisch gemalten Klangfarben der frühen Jefferson Airplane beginnt der folgende Song Blueprint, und mit einer schon verblüffend originellen Stimme reiht sich Katharina Franck auf Anhieb in die Liste der großen Rock-Sängerinnen von Grace Slick bis Annie Lennox ein. Noch eindrucksvoller sind jene Momente, in denen sie – wie bei We Make Love Falling – auch die Showmaske ganz fallenläßt und unverstellt zärtlich ein Liebeslied singt, ohne daß das im mindesten peinlich privat berührt, auch wenn der Zuhörer hier fast zum Voyeur wird. Nicht zuletzt beeindruckt an diesem Debüt die Fülle unverbrauchter Klänge. Retorten-Sounds aus dem Mikrochip benötigt dieses Trio nicht, egal ob sie nun Bossa-Nova- oder Musette-, Psychedelic- oder Folk-Elemente in ihre Rockmusik einbinden. Selbst der „Amateur“-Charme ist hier von dezentestem Raffinement. (Mercury 834 023)

Franz Schüler