Es ist eine nackte Tatsache, daß das Niveau Hongkongs seit dem Beginn der Verhandlungen zwischen Peking und London über die Rückgabe des Territoriums 1997 in allen Bereichen – im öffentlichen wie im privaten – gesunken ist“, schrieb Derek Davies, Chefredakteur von Asiens angesehenstem Wirtschafts- und Politmagazin Far Eastern Economic Review vor einigen Monaten. Die ungeheuer erfolgreiche Stadt sinke ab zu einem drittklassigen Platz, der beherrscht werde von der kurzsichtigen Gier nach Profit. Menschen, die noch ein paar Prinzipien hätten, stünden in Konfrontation mit der übrigen Gesellschaft.

Bei seiner Kritik nimmt Derek Davies die Wirtschaft der Kronkolonie nicht aus. Seit geraumer Zeit berichtet das Magazin über Fälle von Wirtschaftskriminalität, über Schiebereien im städtischen Dschungel von Banken und Finanzgesellschaften, über Bankenpleiten und kostspielige Rettungsaktionen für angeschlagene Institute, über Insider-Geschäfte an der Börse – und all dies ohne Konsequenzen für die Beteiligten. Gelang es der Regierung, Beschuldigte tatsächlich vor Gericht zu bringen, versagten die Justizbehörden: So geschah es etwa im Falle der spektakulären Carrian-Pleite – ein Konzern, der mit Milliarden Schulden in Bankrott ging und bei dem auch deutsche Banken Hunderte von Millionen in den Sand setzten. Die Verantwortlichen wurden aus „verfahrungstechnischen Gründen“ auf freien Fuß gesetzt.

Noch größer war die Blamage allerdings in der vorigen Woche, als zwei Direktoren der lokalen Ka-Wah-Bank sich heimlich aus Hongkong absetzten und damit ihren Prozeß platzen ließen. 1985 hatte die Regierung dem Institut noch mit Krediten in Höhe von über vier Milliarden Hongkong-Dollar (damals gut 1,5 Milliarden Mark) unter die Arme gegriffen. Die Ka-Wah-Manager, der einstige Bankpräsident Low Chung-Song (50) und sein Bruder Low Chang Hian (43) waren in 81 Fällen des Betrugs angeklagt. Sie sollen Bücher gefälscht und die gigantische Summe von 770 Millionen Hongkong-Dollar (rund 160 Millionen Mark) beiseite geschafft haben. Da konnten es sich die Low-Brüder auch leisten, eine Kaution von 21 Millionen Hongkong-Dollar (etwa vier Millionen Mark) zu zahlen, um auf freiem Fuß zu bleiben. Es dürfte sie auch kaum schmerzen, diese Summe nun abzuschreiben. Wahrscheinlicher Fluchtort der Low-Brüder: die dem chinesischen Festland vorgelagerte Republik Taiwan. Die Insel ist Fluchtburg der Wirtschafts- und Finanzbetrüger des Orients geworden, weil sie von den meisten Ländern der Welt nicht diplomatisch anerkannt wird und damit auch keine Auslieferungsverträge mit Hongkong und anderen Ländern Asiens hat.

Bei Kautionsforderungen sind Hongkongs Behörden nicht kleinlich: Über zehn Millionen Hongkong-Dollar (rund zwei Millionen Mark) mußte Anfang Januar auch Ronald Li (58), bis Dezember Präsident der Hongkonger Börse, zusammen mit seinem Reisepaß bei der Independent Commission Against Corruption (ICAC) abliefern. Am 2. Januar um sechs Uhr morgens zeigten ICAC-Agenten dem Ex-Börsenpräsidenten einen Hausdurchsuchungsbefehl und brachten ihn in einem Polizeiwagen zum Verhör in die Stadt. Die Anklage wirft Li vor, 1,1 Millionen Aktien der Hongkonger Tochterfirma des japanischen Baugiganten Kumagai Gumi zum Sonderpreis von 2,50 Hongkong-Dollar als Schmiergeld für die Börsenzulassung angenommen zu haben. Die begehrten Aktien kletterten am ersten Handelstag innerhalb von einer Stunde auf über vier Hongkong-Dollar. Lis Stundenlohn: rund 1,5 Millionen Hongkong-Dollar (rund 300 000 Mark).

Hongkongs Justizbehörden, durch die Carrian-Affäre gewitzt, waren diesmal vorsichtiger: Li, einer der reichsten Männer in dieser an Reichen gewiß nicht armen Stadt – sein Vermögen wird auf zwei Milliarden Hongkong-Dollar (rund 400 Millionen Mark) geschätzt – wurde nur wegen der Kumagai-Gumi-Bestechung angeklagt, denn hier scheint die Beweislage für die Anklage am sichersten zu sein. Andere Fälle will die Anklage noch nachreichen. Dem großmäuligen ehemaligen Börsenpräsidenten, der auf einer Pressekonferenz im November nach der Schließung der Hongkonger Börse einem hartnäckig fragenden Journalisten mit der Polizei drohte, muß nun selber Gefängnis fürchten. Ihm droht eine Höchststrafe von sieben Jahren Haft.

Li hat wohl Pech. Es ist gut möglich, daß die wegen ihrer laschen Haltung gegenüber Kapitalverbrechen zunehmend kritisierte Regierung nunmehr ein Exempel statuieren will. Philip Bowring, der bekannteste Finanzjournalist der Stadt, mokierte sich öffentlich schon darüber, daß die Finanzjongleure die Tradition der Opiumhändler des vergangenen Jahrhunderts fortsetzten. In den schlechten alten Tagen habe man mit dem Drogenhandel schnell Geld verdient und sich dann Respekt durch Spenden für die Wohlfahrt erworben. Heute habe man herausgefunden, daß Finanzmanipulationen mehr bringen und weniger gefährlich sind. Und die Betrüger sähen, daß es leichter sei, Rechtsanwälte und Buchhalter zu kaufen als seinerzeit die Polizisten ...

Philip Kwok zum Beispiel, Mitglied einer der angesehensten chinesischen Familien, hatte als Vorstandsvorsitzender der Wing-On-Bank zugelassen, daß sein Institut Gelder hauptsächlich an Verwandte und Freunde auslieh – die Regierung mußte mit öffentlichen Geldern auch dieses Institut vor der Pleite retten. Gleichwohl ist Kwok immer noch ein von derselben Regierung ernanntes Mitglied im Städterat. Der Australier Alan Bond, der in den vergangenen zwei Jahren in Hongkong für mehrere Milliarden Dollar investierte (allerdings fast gar kein eigenes Geld mitbrachte), gab öffentlich falsche Erklärungen über den Wert der Aktien seiner Gesellschaft ab. Die Staatsanwaltschaft unter Michael Thomas wagte keine Anklage, Bond mußte lediglich den von ihm veröffentlichten Wert seines Unternehmens widerrufen.