Bildungsreisen, ich sage nur Bildungsreisen. Ich mache sie viermal im Jahr, am liebsten in Gruppen. Hinreißend, wie dabei die Charaktere zusammenspielen und bei aller Harmonie doch nie ihren Typ verleugnen.

Es beginnt schon am Bahnhof. Der Reiseleiter, umgeben von seinem Trüppchen, wartet bereits. Sie schütteln der ersten Urlaubsgefährtin die Hand und sehen, sie ist ganz Funktionärin. Die resolute Dame mit den robusten Schuhen und ebensolchem Gesichtsausdruck wirft danach einen schnellen Blick in die Runde, macht alle miteinander bekannt, verteilt die Tickets fürs Mittagessen und organisiert zur allgemeinen Verblüffung ein Abschiedsständchen auf dem Bahnsteig.

Währenddessen hat der Organisator seine Arbeit aufgenommen. Erfolgreich schreckt er einen dösenden Gepäckträger auf, wählt das leiseste Abteil – möglichst weit weg von der Lokomotive und keinesfalls auf der Sonnenseite! – und ersucht die Bildungshungrigen, in geordneten Zweiergrüppchen einzusteigen.

Zu dumm, daß immer der Galante im Weg stehen muß. Höflich hilft er den Damen, das Waggontreppchen zu erklimmen, verteilt Mundpastillen, stemmt entschlossen das Fenster nach oben und dimmt die Neonlampe auf ein intimes Maß.

Grimmig klappt der Oberlehrer seinen Reiseführer zu. Und weil er bereits siebenmal im Veneto war, beginnt er über die zu erwartenden Sehenswürdigkeiten inklusive der beträchtlichen Bausünden südländisch-schlamperter Museumsbehörden zu referieren.

Eifersüchtig lauscht der Weitgereiste. Auch er war nämlich schon mal im Veneto, hat allerdings nichts davon behalten. Also nutzt er die Gelegenheit, als der Oberlehrer erschöpft nach Luft schnappt, und amüsiert das Grüppchen mit einer kurzweiligen Schilderung der First-Class-Hotels in Alexandria und wie schludrig der Service dort sei.

Auch der Asket war im letzten Jahr in Alexandria. Allerdings paddelte er mit einem Kajak auf dem Nil entlang, nächtigte in Holzhütten und hielt sich strikt an einheimische Kost. Hohnlächelnd schnallt er sich seine Sandale zu und wirft dem Weitgereisten einen so bösen Blick zu, daß die Schüchterne verstört aufschreckt und ihren Kopf gegen die Abteiltür rammt.