Von Gero von Boehm

Die Elite hatte noch Ferien. Ein naßkühler Tag schleppte sich hin auf dem riesigen, fast menschenleeren Campus von Stanford. Die von Regen und Wind geschüttelten Palmen wirkten, als wollten sie die Ordnung in diesem Versailles der modernen Naturwissenschaft stören.

Das Haus, in dem Edward Teller wohnt, liegt versteckt und windgeschützt zwischen Granatapfelbäumen und Hecken ganz am Ende des Geländes. Das große Fenster im Wohnraum gibt den Blick nach Westen frei. Der geschmückte Weihnachtsbaum stand noch. Neben dem Flügel lagen die Noten einer Beethoven-Sonate, auf einem Tischchen in der Mitte des Raumes rote Christsterne und lauter Verdienstmedaillen, darunter auch eine vom Committee Ort The Present Danger, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Amerikaner vor der russischen Gefahr zu warnen.

Wir reden von der Vergangenheit.

Ungarn, seine Heimat, hat Edward Teller gleich nach dem Abitur verlassen. Der Antisemitismus begann sich auszubreiten, und für Juden waren die Studienmöglichkeiten in Ungarn schon eingeschränkt. Das Deutschland der zwanziger Jahre, das Mekka der Physik und Mathematik, zog ihn an. Es war die Zeit, in der sich unter dem Eindruck der neuen Erkenntnisse über die Materie – Quantenmechanik, Relativitätstheorie – das Bild der Welt wieder einmal zu ändern begann. Teller zieht gerne den Vergleich zur Renaissance in der Malerei, zum Barock in der Architektur und Musik. „Hitler“, sagt er, „hat diese großartige Entwicklung total vernichtet, die Wurzeln ausgerissen.“

Die Vertreibung aus Deutschland – die zweite in seinem 25jährigen Leben – bedeutete für ihn einen tiefen Einschnitt, eine seelische Wunde, die nie ganz vernarbt ist. Seine bedingungslose Liebe zu Amerika, wo er nach Umwegen über London und Kopenhagen schließlich landete, erklärt sich daraus. Und so nahm es Edward Teller auch kaum wahr, als er 1939 seine Unschuld als Genie der theoretischen Physik verlor. Plötzlich war die Anwendung seines Wissens gefragt, und er war, neben vielen anderen, bereit zu liefern. Hans Bethe, Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Leo Szilard – sie alle sahen die Chance, aus den neuen Erkenntnissen über die Kernspaltung eine Waffe gegen Nazi-Deutschland zu entwickeln.

Im August 1939 fuhr Teller mit Szilard nach Long Island, wo Albert Einstein den Sommer verbrachte. Sie legten Einstein einen Brief an Präsident Roosevelt vor. Es war die Aufforderung, den Bau der Bombe zu unterstützen. Einstein unterschrieb.