Von Mathias Greffrath

DIE ZEIT: Den Begriff „Atomstaat“ haben Sie in Anlehnung an Eugen Kogons Wort vom NS-Staat verwendet. Sind das nicht zwei grundsätzlich verschiedene Dimensionen: ein Staat, der den Terror will, und ein Staat, der mit den unbeabsichtigten Folgen einer Technik nicht fertig wird?

ROBERT JUNGK: Es gibt eine Ähnlichkeit. Der NS-Staat wollte den Terror nicht in erster Linie. Eine kleine verschworene „Gemeinschaft“ wollte bestimmte ideologische und staatliche Ziele verwirklichen. Der Terror war ihr bevorzugtes Mittel, mit dem sie das schaffen wollte. Auch die Menschen, die Atomenergie propagieren, sehen sich als eine Kaste von Menschen, die es besser weiß. Sie haben die Vision des unbeschränkten Energiereichtums, letztlich der Herrschaft der technischen Vernunft über die Natur. Und um diese Vision durchzusetzen, nehmen sie nicht nur ökologische, sondern auch negative staatsbürgerliche Nebenfolgen in Kauf. Später ist mir klargeworden, daß das Nebenprodukt – zumindest für einige – vielleicht sogar das politische Hauptprodukt war. Daß sie auf dem Umweg über eine Technologie, die man mit freiheitsbeschränkender Überwachung absichern muß, die Herrschaft einer Kaste durchsetzen wollen. Mir ist das klar geworden durch Wolf Häfele, für mich der typische Vertreter dieser missionsbesessenen Technokraten. Er hat ganz deutlich gesagt: Wir wissen es besser, die Bürger haben keinen Ein- und Überblick. Wir müssen ihnen sagen, wo es langgeht.

Sie haben damals gesagt, es gäbe nicht nur den GAU, sondern den GAGU – den „Größten Anzunehmenden Gesellschaftlichen Unfall“, den Atomstaat eben, das Verschwinden von Demokratie und Öffentlichkeit. Zehn Jahre sind vergangen, wie weit sind wir hineingerutscht in den Atomstaat?

JUNGK: Wir sind sicher ein Stück weiter auf diesem Irrweg, aber noch nicht ganz im Atomstaat, sonst hätten wir ja dieses öffentliche Aufsehen nicht mehr. Im perfekten Atomstaat erfährt man ja so gut wie nichts von den Unfällen. Die Sowjetunion ist da bereits mehr Atomstaat, als die Bundesrepublik. Ich hatte vor kurzem einen sowjetischen Wissenschaftler zu Besuch, der mir sagte: Ich habe erst hier all das erfahren, was in Tschernobyl passiert ist.

Als Sie damals Ihre Thesen über den Atomstaat aufstellten und Ihre Untersuchungen vorlegten, herrschte bei der Kritik – auch in der ZEIT – Unglaube. Man konnte sich das nicht vorstellen. Jetzt, wo jeden Tag neue Korruptionsvorfälle bekannt werden, sind alle erschreckt. Gibt es so etwas wie Kassandras Genugtuung?

JUNGK: Genugtuung und Enttäuschung. Denn in Wirklichkeit will Kassandra ja gehört werden. Was mich bescheiden machen muß, ist, daß ich so wenig bewirkt habe. Denen, die meine Warnungen damals als Phantastereien abtun wollten, ist das gelungen. Und sie konnten das, weil es mir und den anderen Kritikern nicht möglich war, unsere Informanten aus dem Inneren des Systems preiszugeben. Wir hatten damals nur die Wahl: Sollen wir Vertrauen verraten oder das Odium auf uns nehmen, daß wir Gefahren aufbauschen, wenn nicht gar erfinden. Ich habe selbstverständlich meine Informanten geschützt. Es ist vielleicht nicht ganz uninteressant, heute daran zu erinnern, daß es damals in Karlsruhe eine Gruppe von Wissenschaftlern gab, die mit Bundestagsabgeordneten über ihre Bedenken sprechen wollten. Da erschien Volker Hauff, damals Bundeswissenschaftsminister, hielt eine Strafpredigt und verbot ihnen das. Sie durften sich also mit ihren Vorbehalten nicht einmal an die eigenen Volksvertreter wenden.