Durch das Drängen vieler Kollegen der Universität, insbesondere des abgesetzten Rektors von Möllendorff... (habe ich mich schließlich) entschlossen, das Amt zu übernehmen“, erinnerte sich Heidegger wenige Monate nach Kriegsende in seinem „Rechenschaftsbericht“ über sein Rektoratsjahr 1933. „Auf diese Weise hoffte ich, dem Vordringen ungeeigneter Personen und der drohenden Vormacht des Parteiapparats und der Parteidoktrin begegnen zu können.“ Insgesamt stellte Heidegger rückblickend sein NS-Engagement als Opfergang zum Schutze des „Wesens der Wissenschaft“ dar.

Diese Darstellung blieb weithin unwidersprochen und wurde zum akademischen common sense: Heidegger, ein Mann des geistigen Widerstands.

Nur wenige Zeitgenossen waren damals über soviel Verdrängungs- und Entstellungsarbeit empört. Einer von ihnen war der mit Karl Jaspers in Basel bekannte Schweizer Guido Schneeberger. Mit akribischem Fleiß sammelte er während mehrerer Jahre Dokumente von und über Heidegger aus der Nazizeit. Obwohl ihm viele Archive verschlossen blieben, hatte er 1961 ein Kompendium mit 217 Texten beisammen. Die Dokumente enthüllten zum Beispiel eindeutige Pro-Nazi-Ansprachen des Rektors Heidegger, etwa daß die Hochschule „einen scharfen Kampf“ zu führen habe ein nationalsozialistischen Geist, der nicht ersticken darf durch humanisierende, christliche Vorstellungen“.

Zu den erschreckendsten Dokumenten gehörte auch der Wortlaut einer Rede Heideggers vom 1. November 1933 in Freiburg: „Die nationalsozialistische Revolution bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins“, verkündete er damals, „verwahrt das Wissen als den notwendigen Urbesitz des führerischen Menschen in den völkischen Berufen des Staates ... Unaufhörlich wachse Euch der Mut zum Opfer für die Rettung des Wesens und für die Erhöhung der innersten Kraft unseres Volkes in seinem Staat. Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz. Lernet immer tiefer zu wissen: Von nun an fordert jedwedes Ding Entscheidung und alles Tun Verantwortung. Heil Hitler.“

Acht Tage später, so belegte Schneeberger, telegraphierte Seine Magnifizenz Heidegger eine „Treuebekundung“ an den Führer nach Berlin, „dem Retter unseres Volkes aus seiner Not, Spaltung und Verlorenheit zur Einheit, Entschlossenheit und Ehre, dem Lehrmeister und Vorkämpfer eines neuen Geistes“. Und die gleiche Hymne nochmals am 11. November 1933 auf einer Kundgebung in Leipzig: „Die nationalsozialistische Revolution bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins ... Unser Wille zur völkischen Selbstverantwortung will, daß jedes Volk die Größe und Wahrheit seiner Bestimmung finde und bewahre.“

Schneebergers zwar einseitig ausgewählte, doch präzise edierte Dokumentation lieferte Mosaiksteine zum Bild eines offenkundig tief überzeugten Nationalisten, der an den großen Aufbruch des deutschen Volkes unter seinem Führer nicht nur glaubte, sondern auch für ihn kämpfte; der im „Völkischen“ eine revolutionäre Kraft zur Erneuerung des „deutschen Geistes“ erblickte; der sich gegen das dekadente System der Weimarer Republik erhob und gegen alle Demokratie die diktatorische Einheit von Volk und Staat verlangte. Und noch etwas wurde in Umrissen sichtbar: Heidegger mißtraute dem Parteiapparat, der Technik- und Fortschrittsgläubigkeit der NSDAP-Kader; offenbar hoffte er auf die urwüchsige Kraft der NS-Bewegung von unten, die für die Gleichschaltung von Volk, Bildung und Staat als deutsche Wesensbestimmung urwüchsig sorgen werde.

1961, im christdemokratischen Wirtschaftswunderland mit seinen Globkes und Lübkes fand sich kein deutscher Verleger, der Schneebergers Dokumentation publizieren wollte. So entschloß Schneeberger sich, das Buch im Selbstverlag zu vertreiben: Zum Preis von zehn Mark mußte es direkt beim Editor zu Bern in der Hochfeldstraße bezogen werden.