Ob Vögel auch träumen? Wissenschaftlich exakt wird diese Frage wohl nie zu beantworten sein. Ich allerdings bin sicher, träumende Rotschwänze gesehen zu haben, es waren Gartenrotschwänze, ein Männchen und zwei Jungvögel. An einem heißen Nachmittag saßen sie im dichten Laub einer Buche, rötlich gefärbte Federbälle mit schwarzer Kehle und weißer Stirn, bei den Jungen alle Farben etwas blasser. Länger als eine Stunde saßen sie fast unbeweglich in den Zweigen. Von Gartenrotschwänzen ist bekannt, daß gerade sie zum Gesang angeregt werden, wenn die Luft gewitterschwül ist. Es war schwül, doch das Gewitter entlud sich auf der anderen Seite des Flusses.

In Deutschland sind zwei Rotschwänze heimisch, der Gartenrotschwanz, auch Gartenrötel genannt und – neben gut zwei Dutzend anderen Trivialnamen – in manchen Gegenden auch Höhlennachtigall, und der Hausrotschwanz. Beide Arten sind anmutige Vögel, auffallend auch im Verhalten. Der Gartenrotschwanz ist eine Spur kleiner als der Hausrotschwanz, der um ein Gramm schwerer wiegt und es auf 15 Gramm bringt. Der Gartenrotschwanz, jedenfalls das Männchen, wird wegen der rötlichen Brust oft mit dem Rotkehlchen verwechselt. Der Hausrotschwanz ist aschgrau bis schwarz mit weißen Flügelkanten. Beiden Rotschwänzen gemeinsam ist der rostrote, wippende Schwanz. Jungvögel und Weibchen der beiden Arten auseinanderzuhalten erfordert mehr als ein flüchtiges Hinsehen.

In der Ornithologie ist der Hausrotschwanz ein Felsenbrüter und der Gartenrotschwanz ein Baumbrüter, der als Nistplatz die Löcher in den Kopfweiden bevorzugt. Beides ist unbestritten. Doch auch Vögel passen sich an. Am Haus und in meinem Garten habe ich sowohl brütende Haus- als auch Gartenrotschwänze beobachten können, allerdings niemals beide Arten im selben Jahr. Häufiger ist der Hausrotschwanz. Er scheut die Nähe des Menschen nicht, ist eher neugierig, sitzt knicksend und schwanzwippend auf Fensterbänken und beobachtet, wie es scheint, interessiert, was im Hause vorgeht. Sein erstes Nest baute er in einer unverputzten Mauernische. Jahre später baute er sein Nest aus Moos, dürren Halmen und Gräsern, mit Haaren ausgepolstert, auf den Sparren eines überhängenden Daches und so, daß es vom Lehnstuhl im Zimmer aus gut zu beobachten war.

Ende April lagen in dem Katzen und anderen Tieren, auch der Elster, nicht zugänglichen Nest sechs schneeweiße Eier. Nach sechzehn Tagen schlüpften die Jungen; mit Fliegen, Insekten, Larven und kleinen Raupen wurden sie gefüttert. Wiederum nach gut zwei Wochen waren die Jungen flügge, doch nicht alle sechs, sondern nur vier. Zwei waren schon nach wenigen Tagen aus dem Nest gefallen und, noch federlos, verendet. Es soll auch zweite und sogar dritte Bruten geben. Ich habe sie nicht beobachten können, das Nest auf dem Dachsparren blieb im Sommer leer.

Der Hausrotschwanz ist zum ersten Male von einem Mann namens Gmelin im Jahre 1789 in Gibraltar beschrieben worden. Der lateinische Name des Vogels lautet: Phoenicurus ochruros gibraltariensis. Unzweifelhaft ist der Hausrotschwanz allein im Gebirge, wo auch heute noch seine Nester bis in dreitausend Meter Höhe anzutreffen sind, und in felsigen Gegenden heimisch gewesen. Doch er folgte dem Menschen, von Süden sich nach Norden ausbreitend, und nistet heute in Gemäuern jeglicher Art, im Flachland allerdings seltener als in bergigen Gegenden. So war er in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts in Ostpreußen noch recht selten.

Das Nest des Gartenrotschwanzes habe ich nicht ausmachen können. Vermutlich war es auf dem Nachbargrundstück in einem der alten, löcherigen Obstbäume. Es unterscheidet sich kaum von dem des Hausrotschwanzes. Doch sind die Eier, meist auch eines mehr als beim Hausrotschwanz, nicht weiß, sondern grünlich blau und rot gefleckt. Auch der Gesang der beiden Vögel ist von jeweils anderer Art. Beim Hausrotschwanz ist es ein Quetschen. Es scheint, als mache es ihm Mühe, sich zu artikulieren. Der Gartenrotschwanz hingegen gehört zu den begabten Sängern, und sein Gesang, variierte Strophen, die mit denen der Laubsänger verwechselt werden können, erklingt von der blassesten Dämmerung am Morgen bis in den späten Abend. Aber dieser aparte, anmutige Vogel ist außerordentlich streitsüchtig. Seinesgleichen duldet er nicht in seinem Revier.

Auch gegenüber seinem Vetter, dem Hausrotschwanz, und dem Rotkehlchen ist er ungeduldig. Heinroth meint, daß nur gefühlsduselige Menschen diesem Vogel das Diminutiv Rotschwänzchen anhängen konnten, denn beim Rotschwanz handele es sich um einen sehr selbstbewußten Vogel. Als er im vorigen Jahrhundert in Volièren gehalten wurde, will man beobachtet haben, daß er Finken, Ammern und andere Kleinvögel zu Tode hackte. Sicherlich eine Legende, wie auch die, daß der Hausrotschwanz vom Hause, nistet er denn an demselben, das Feuer fernhalte. In einigen Landschaften ist der Spruch gerade umgekehrt: Da bringt er das Feuer ins Haus, und in den Ställen geben die Kühe rote Milch.

Beide Rotschwänze sind Zugvögel. Sie ziehen ins mittlere Afrika, nicht in Schwärmen. In milden Wintern sind im Südwesten Deutschlands Hausrotschwänze zu sehen. Aber das ist die Ausnahme. Und der Gartenrotschwanz ist schon auf der roten Liste der Vögel zu finden, deren Bestand gefährdet ist.