Köln

Kölner Christdemokraten trauten ihren Augen und Ohren nicht: Soeben hatten ihre sozialdemokratischen Ratskollegen im Kulturausschuß der Stadt es abgelehnt, den schon zu Lebzeiten wie ein Denkmal verehrten ehemaligen SPD-Oberbürgermeister Theo Burauen mit einer Steinfigur auf dem Rathausturm zu verewigen. „Es gibt andere Möglichkeiten, eines Ehrenbürgers zu gedenken“, lautete das herzlose Urteil der Genossen.

Allerdings hatten die SPD-Abgeordneten gar nicht ihrem Parteifreund die Ehrung streitig machen wollen. Auf Theodor Heuss hatten sie es abgesehen. Dem ersten Bundespräsidenten, so meinten sie, müsse unter den 124 Heiligen, Herrschern und auserwählten Bürgern an der Front des wiederaufgebauten Rathausturmes nicht unbedingt ein Platz eingeräumt werden. Da aber Heuss und Burauen wegen ihrer Ehrenbürgerschaft in einem Atemzuge für das neue Figurenprogramm vorgeschlagen wurden, riß der Bundespräsident den verdienten Genossen gleich mit vom Sockel.

Der Umgang mit der Geschichte ist eben auch in Köln ein mühsames Geschäft. Seit der Rat beschloß, die kölsche Historie auf exakt 124 Steinfiguren auf dem Rathausturm zu verteilen, bereitet so manchem Geschichtsforscher und Politiker in der Stadt nicht nur die jüngste Vergangenheit Kopfzerbrechen. Denn was ihre Geschichte betrifft, da sind die Kölner bekanntlich eigen.

Ohne größere Schwierigkeiten hatten die Experten zunächst eine ansehnliche Versammlung von Persönlichkeiten zusammengestellt. Niemand nahm Anstoß an Kaiser Augustus oder den Heiligen Drei Königen, an Peter Paul Rubens, Jacques Offenbach, Konrad Adenauer, Hans Böckler, Kardinal Frings oder Heinrich Böll. Sogar für Robert Blum und Karl Marx waren Ehrenplätze im zweiten Obergeschoß reserviert.

Erst als einige kluge Ratsfrauen auf das künftige Mißverhältnis von Damen- und Herrenwelt am Rathausturm aufmerksam machten, gab es Ärger. Nur fünf Damen hatte die ehrwürdige Historikerrunde – acht Männer und zwei Frauen – für würdig befunden, den Turm zu schmücken. Daß ihr Geschlecht in 2000 Jahren Stadtgeschichte zu nichts nütze gewesen sein sollte, konnten die streitbaren Politikerinnen einfach nicht glauben. Sie nahmen sich der Geschichte an, auf ihre Weise, und entfachten einen heftigen Meinungsstreit mit den Historikern. Ausgewogenheit auch an der Ratshausfront verlangten sie. Mindestens zwanzig Männerköpfe sollten rollen.

Die männerlastige VIP-Liste mußte zurückgenommen werden und eine neue 18 Frauen starke Damenriege wurde präsentiert. Die Frauen hatten sich mit der Mehrzahl ihrer Vorschläge zum Entsetzen so manchen männlichen Historikers durchgesetzt. 13 ehrwürdige Männer vom Erzbischof und Stadtbaumeister bis zum Kunstmäzen und Bankier fielen von der Prominenten-Liste. Frauen wie die „Hexe“ Katharina Henoth, die der Scharfrichter 1627 auf so unfeine Weise vom Leben zum Tod beförderte, oder die Schriftstellerin Irmgard Keun übernahmen die Plätze.