„En“ heißt dieses Zeichen. Es bedeutet Kreis, aber auch: „Alle Wesen sind gleich“ und ist eine Kalligraphie des Ikeda Harumasa (1750-1818), des fünften Daimyô des Bizen-Okayama-Clans. So alt und doch so modern erscheint es uns. Unwillkürlich fühlen wir uns an Bilder des Informel und Action painting oder des Tachismus erinnert: Namen für Kunstformen, die ungebremst, ungefiltert und unbeeinträchtigt mit spontanen Linien und Klecksen Gefühle zeigen wollen. Die Betonung liegt dabei auf Spontaneität: einem Zauberwort unserer Zeit. Ganz anders dachte der alte japanische Meister. Tief verwurzelt in der kulturellen Tradition seines Landes verbrachte er Jahrzehnte damit, Schriftcharaktere in vorgegebener, streng geregelter Form wieder und wieder abzuzeichnen. Überlieferungen waren ihm Autorität, große Kalligraphen der Vergangenheit Vorbilder, die es nachzuahmen galt. Dann nach langen Jahren der Übung erlaubte er sich schließlich, „als Pferd ohne Zügel zu gehen“ und entwirft Schriftzeichen, die nicht nur spontan, sondern frei sind. „Kalligraphien sind Selbstporträts der Schreibenden“, sagt Heinz Götze in dem Vorwort zu dem Band, der seine berühmte Sammlung „Chinesische und japanische Kalligraphie aus zwei Jahrtausenden“ vorstellt. (Prestel-Verlag, München 1987; 198 S., Abb., 198,- DM.) Elke von Radziewski