Von Rolf Zundel

Ingrid Matthäus-Maier hat, um ein Lieblingswort ihres Partei- und Fraktionschefs Vogel aufzugreifen, Sinn für die Kleiderordnung. Solange sie noch nicht als Vorsitzende des Atom-Untersuchungsausschusses gewählt worden war, hatte sie alle Interviews verweigert. Dann freilich ging’s Schlag auf Schlag, ein kleines Mediengewitter, allerdings mit strikt eingehaltenem Limit. Sie hatte den Nachmittag ihren Kindern versprochen; und mit Versprechen nimmt sie es genau, zu Hause wie in der Politik. Fußballspielen wollte sie mit Helen und Robert. Ein kurzer Blick aus dem Fenster: „Mistwetter.“

Gedrängt hat sie sich nach diesem neuen Amt nicht. Sie ist sich darüber im klaren, daß es harte, konzentrierte Arbeit verlangen wird – in einem Gelände, das von politischen Emotionen aufgewühlt und von bitteren Kontroversen zerfurcht ist. Die Union will die Untersuchung in engen Grenzen halten, „ein trauriges Kapitel menschlichen Fehlverhaltens“ darstellen, aber nicht „die Geschichte der Atomenergie, angefangen bei Adam und Eva, und ihre künftige Nutzung“ behandeln. Die Sozialdemokraten dagegen wollen „den gesamten Entsorgungskomplex“ ausleuchten – in der Erwartung, daß die Erkenntnisse eine „Umkehr in der Energiepolitik“ einleiten. Die, Grünen vollends wollen der Kernenergie den Prozeß machen. Wollen die einen die „Gesundung“ der Atomindustrie, so verlangen die anderen, mehr oder weniger schnell, ihr Ende. Und schließlich geistert ja noch immer der Verdacht herum, waffenfähiges Spaltmaterial sei unter Bruch des Atomsperrvertrags ins Ausland verschoben worden. „Das wäre wirklich eine Katastrophe“, sagt die Ausschußvorsitzende, „jeder muß ein Interesse haben, daß dieser Vorwurf rasch aufgeklärt und – hoffentlich – entkräftet wird.“

Eine schwierige Bewährungsprobe also hat Ingrid Matthäus-Maier vor sich, zu der es paßt, daß ihr zwei Begriffe besonders wichtig sind: Fairneß und Fakten: „Wenn die Bürger nur wahrnehmen, wie um parteitaktische Vorteile gerangelt wird, sind wir nach ein paar Sitzungen erledigt.“ Aber sie läßt sich den Schneid nicht abkaufen. Die Schwierigkeit, daß Koalition und Opposition unterschiedliche Ziele für den Ausschuß formuliert haben, hält sie für überwindlich. Die Frage nach „individuellem Fehlverhalten“ führe zwangsläufig zu dem Problem, ob und wie weit dieses Verhalten auch mit der ungelösten Entsorgung zusammenhängt, mit dem Umstand, „daß die Atomwirtschaft einfach nicht weiß, wohin mit dem Zeug“. Kurz: Sie traut sich schon einiges zu. Schließlich hatte sie 1976, damals frischgebackene FDP-Abgeordnete, gerade 31 Jahre alt, in einer Kampfabstimmung einen Platz im schwierigen Finanzausschuß erobert und drei Jahre später sogar dessen Vorsitz übernommen. „Energisch und ergebnisorientiert“ schildert sie ihren Arbeitsstil. „Ihre Stabführung, Frau Kollegin, ist mir bekannt“, sagte der erfahrene CDU-Parlamentarier Langner; und das klang nicht unfreundlich.

Ihr Selbstvertrauen wird aber nicht nur aus politischer Effizienz gespeist, es hängt auch damit zusammen, daß Politik ihr nicht alles bedeutet. In ihrem Büro fallen drei Drucke naiver Malerei ins Auge – ländliche, freundliche Szenen, wie sie noch manchmal zu finden sind hinter dem Siebengebirge. Dort ist sie daheim mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann Robert, der ihr zuliebe auf seinen Beruf als Mathematiker verzichtet hat. Wenn Ingrid Matthäus-Maier von „wir“ spricht, dann ist die Familie gemeint; sie beflügelt und begrenzt zugleich ihren Ehrgeiz. „Wenn der Mann eine aussichtsreiche Karriere zurückstellt, muß man schon was bringen“, aber das heißt eben nicht, daß politisches Avancement für sie alles andere in den Hintergrund drängt. Der schrecklich abgewetzte Satz „die Familie gibt mir Kraft“ klingt bei ihr fast wie neu.

Einige verlockende Angebote – die Kandidatur als Oberbürgermeisterin in einer Großstadt und auch Offenen für Länderkabinette – hat Ingrid Matthäus-Maier abgewehrt. Die Nachfolge des Düsseldorfer Finanzministers Posser gehörte allerdings nicht dazu. Da war sie sich mit Johannes Rau von vornherein einig. Nicht nur die Familie war da eine Bremse, sondern auch die nüchterne Überlegung, daß sie, doch eine Art Außenseiter in Düsseldorf, in dieses Amt nicht ganz paßte: „Es gibt Dinge, die gehen eben nicht.“

Der Ausschußvorsitz – „immer kann man nicht nein sagen“ – läßt sich mit der Familie besser in Einklang bringen. Das ist zu organisieren, und sie hat ein Faible für ordentliche Arbeit. Als sie noch mit anderen Parteifreunden die FDP auf sozial-liberalem Kurs zu halten versuchte, hat sie die Lässigkeit ihrer Mitkombattanten doch manchmal erheblich irritiert: „Da haben wir uns getroffen, ein paar kamen zu spät, dann wurde zuerst einmal Kaffee gekocht, inzwischen waren sich Friderichs und Lambsdorff schon längst einig und haben gehandelt.“