Von Viola Roggenkamp

Übergang Heinrich-Heine-Straße von West nach Ost: Ein schwerer BMW, graubraun metallic, mit der lA-DDR-Nummer für Berlin (Ost), fügt sich in die Reihe der wartenden Kleinwagen aus der Bundesrepublik. Da tritt ein DDR-Grenzer zwischen Beton-Blumencontainern hervor und winkt die große Limousine zu sich. Erfreut gehorcht der Chauffeur, schert aus, öffnet per Knopfdruck das Fenster und dankt für die bevorzugte Abfertigung.

„Schon gut, schon gut, einen eigenen Übergang fürs Grand Hotel haben wir allerdings noch nicht“, sagt der Mann in der mausgrauen Uniform und zieht das Jackett straff. Dann prüft er kurz die Pässe, den DDR-blauen des Chauffeurs und den BRD-grünen des Fahrgastes, der völlig unbeteiligt im Fond sitzt. „Alles in Ordnung. Angenehmen Aufenthalt.“ Der DDR-Soldat knickt nach vorn ein, salutiert vor dem hinteren Seitenfenster, vor dem Besucher aus der BRD, der nur leicht mit dem Kopf nickt. Dann geht der Schlagbaum hoch.

So zuvorkommend und unkompliziert kann der Weg in die DDR sein, wenn man sich vom Flughafen Berlin-Tegel mit einer der Renommier-Kutschen der DDR-„Interhotel“-Kette abholen läßt: 80 West-Mark – und damit 40 DM weniger, als ein Westberliner Taxifahrer für die Tour verlangen würde.

„Wir fahren ja alles“, sagt der Chauffeur mit Blick in den Rückspiegel und zählt auf: „Den Wolf von Amerongen, den großen Wirtschaftsboß drüben, dann hatte ich mal einen Verwandten von Kennedy hinten drin, überwiegend aber Geschäftsmänner aus der BRD.“ Die Limousine kreuzt den Spittelmarkt und gleitet am Sitz des Zentralkomitees der SED vorbei Richtung Französischer Dom. Die Blicke der Fußgänger in das Wageninnere sind nicht eben freundlich.

„Ziemlich großkotzig sind die meisten BRDler, wenn ich ehrlich sein soll“, fährt der Fahrer fort. „Die sitzen keine fünf Minuten, dann meinen die, sie müßten mir erzählen, daß sie ihrer Frau gerade einen 700er gekauft hätten.“ Gleich einer mächtigen Fregatte biegt der Wagen in die Friedrichstraße ein; seegrüne, rostrote und graugelbe Trabanten im Gefolge. „Aber als nächstes fragen die mich dann, ob ich ein strammes Parteimitglied bin, weil ich jeden Tag mehrmals über die Grenze fahren darf.“ Er lacht und bremst: „Na, nu sind wir da.“

„Le Grang“ wie die Hotelbrigade gern sagt: das Grand Hotel von Berlin, der Hauptstadt der DDR. Ein mächtiger, pompöser Bau, dem wilhelminischen Berlin getreulich nachempfunden, Fassadenfolge und Arkaden über zwei Seiten eines gesamten Quartierblocks, reich gegliederte Steinfassade in pastellweiß und -gelb, Glaserker entlang der Front, sanft gewölbte Balkons mit schmiedeeisernen Gittern, gerahmt von kannelierten Pilastern, über allem ein rotbraunes Ziegeldach, und der Haupteingang dem mächtigen Eck-Portal der ehemaligen Kaisergalerie nachgebaut, die hier stand, als in den umliegenden Theatern Max Reinhardt und Erwin Piscator regierten, in preußischem Stechschritt die Girls der Haller-Revue marschierten und Berlin künstlerischer Mittelpunkt Europas war.