Von der Schwierigkeit eines Germanisten, Goethe abzuspeichern

Von Karl R. Pogarell

Das Computerzeitalter in unserem Fachbereich begann damit, daß die Examenskandidaten Magisterarbeiten einreichten, die in ihrer optischen Qualität die Dissertationen der letzten Jahre deutlich übertrafen, ja sogar manche wissenschaftliche Veröffentlichungen sahen schlechter aus. Ein gestochen scharfes Schriftbild, fette Überschriften, kursive Einschübe, die Anmerkungen sauber unter der jeweiligen Seite und geschmückt mit anschaulichen Graphiken. Keine Spur von Tipp-Ex-Einsätzen, keine wackligen Klebezeilen mit schwarzen Randstreifen. Die ersten Dissertationen in gleicher Aufmachung folgten wenig später, und schließlich hatten kurze Zeit danach die Studenten Hemmungen, eine Hauptseminararbeit abzugeben, die mit einer altmodischen Kugelkopfmaschine geschrieben worden war.

Ich selbst hatte die ganze Entwicklung kaum bewußt wahrgenommen, bis mir eines Tages eine Studentin eine etwas längere Hausarbeit vorlegte. Inhaltlich gab es an den 25 Seiten nichts auszusetzen, und optisch (siehe oben) schon gar nicht. Annehmen konnte ich ihre Thesen trotzdem nicht; es fehlten einfach einige unverzichtbare Erklärungen und Hinweise. Sehr vorsichtig, fast entschuldigend erklärte ich ihr, daß hier dieser Satz eingefügt werden müsse, dort jene Literaturangabe sie von jedem Plagiatsverdacht freispreche.

Die Studentin, statt frustriert zu sein und entsetzt bei dem Gedanken, nun alles neu tippen zu müssen, notierte sich gelassen meine Vorschläge, fragte ruhig, ob sonst noch etwas zu verbessern sei, und nahm interessiert Anregungen entgegen.

Zu meiner maßlosen Überraschung brachte mir die Scheinanwärterin bereits am nächsten Vormittag ihre neue Hausarbeitsversion. Alle Änderungswünsche waren berücksichtigt. Dies sei doch nun wirklich kein Problem gewesen, meinte sie mit einer Miene, die ich sonst nur von dem Automechaniker kenne, den ich während der Inspektion nach der Funktion eines bestimmten Motorteils befrage. Sie habe den Text selbstverständlich gespeichert, könne ihn jederzeit abrufen und umändern.

Völlig neue Richtlinien in der Beurteilung von Hausarbeiten ergaben sich nun. Tippfehler oder inhaltliche Ungenauigkeiten, die früher keinen Bleistiftkringel wert waren, ließ ich nun korrigieren. Und wenn mir nachträglich noch eine in meinen Augen gute Idee in den Sinn kam, hatte ich keine Skrupel mehr, diese kurzfristig einarbeiten zu lassen.