Es ist Nacht, kaum Wind und das dumpfe Geräusch sich brechender Wellen kommt immer näher. Dann, aus der Dunkelheit, taucht ein weißer Streifen auf – eine Wand aus weißem Wasser. Auf der Seekarte ist kein Riff eingezeichnet ... Ein Krachen und Knirschen an Deck; das Segelschiff schlingert und wird von den sich brechenden Wellen hin- und hergeworfen, kommt vom Kurs ab. Doch wunderbarerweise gibt es kein Knirschen auf spitzen Felsen. Und so schnell wie sie gekommen ist, verschwindet die rauschende Wand aus weißem Wasser wieder.

Poseidon war auf Besuch, erzählen sich danach die Seeleute. Ozeanographen, die nüchtern mit alten Abenteuergeschichten umgehen, glauben dagegen, jetzt eine Erklärung für das Phänomen zu kennen.

Es scheint, als würden die Schiffe auf zwei Meeren fahren. Das eine ist das gewohnte, das andere liegt darunter versteckt. Seine Oberfläche ist die Grenze zwischen dem salzhaltigeren und kühleren Wasser unten und der weniger dichten, frischen und warmen Wasserschicht oben.

Im Unterwasser-Meer treten massige, langsame Wellen auf, die normalerweise die See-Luftwellen nicht beeinflussen. Unterseebooten können sie allerdings zu schaffen machen. Es gibt sogar Behauptungen, sie hätten das amerikanische U-Boot Thresher versenkt, das vor rund zwanzig Jahren an den Grand Banks zerschellt war.

Hin und wieder allerdings, bei bestimmten Konstellationen, beeinflussen sich die beiden Wellentypen gegenseitig und die Unterwasserwellen werden dadurch sichtbar: Auf der Krone einer Unterseewelle reitend, reagieren See-Luftwellen, als ob sie auf eine Küste zuliefen. Sie brechen, mitten auf hoher See. Schiffsleute und Satelliten entdeckten sie dann als „Wände aus weißem Wasser“, die anscheinend aus dem Nichts auftauchen.

Bis vor kurzem konnten Unterseewellen und See-Luftwellen nicht gleichzeitig gemessen werden. Dies ist jetzt dem Ozeanographen Steve Thorpe von der Universität Southampton und Kollegen in der Nähe von Oban, im Westen Schottlands, gelungen. Ihr überraschendes Ergebnis: Es sind ziemlich kleine Unterseewellen – sie bewegen sich fünf bis zehn Zentimeter weit in der Sekunde – die zu den beträchtlichen Auswirkungen an der Oberfläche führen.

Es ist äußerst schwierig, das Brechen der Wellen zu berechnen, denn die Wechselwirkungen zwischen den inneren und äußeren Wellen sind ausgesprochen „nichtlinear“, das heißt, die zugehörigen mathematischen Gleichungen sind schwer zu lösen. „Es wäre unmöglich gewesen, die von uns beobachtete Brechungsrate vorherzusagen“, meint Steve Thorpe.

Welche weiteren Auswirkungen haben die Unterwasserwellen, außer Segler zu erschrecken und Poseidon-Sagen zu fördern? Sie stören auch das akustische Entdecken von U-Booten. Ferner fördern sie den Austausch zwischen den tieferen, nährstoffreichen Schichten und dem Oberflächenwasser, was den Fischen und letztlich dem Fischfang zugute kommt. Robert Walgate