Oskar Schneider nennt die Zahl bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Um nur 1,7 Prozent seien die Mieten vergangenes Jahr in Deutschland gestiegen. Das hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Und dann fügt der Bundesbauminister gerne hinzu: „Dies ist der niedrigste Anstieg seit 25 Jahren gewesen.“ So etwas erfreut die Mieter. Vermieter hingegen sprechen besorgt von sinkender Rentabilität. Volker Bielefeld vom Zentralverband der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer vermutet gar, daß die 1,7 Prozent zu hoch gegriffen sind. „Wir gehen von noch niedrigeren Mietsteigerungen aus“, sagt er, ohne allerdings einen Prozentsatz nennen zu können. Der wäre sowieso falsch, denn der Trend weist genau in die andere Richtung.

Die Mieten sind 1987 nämlich in vierzehn deutschen Ballungszentren um 3,5 Prozent gestiegen. Diesen Schnitt errechneten die Wirtschaftsforscher der Münchner Beratungsfirma Südprojekt. Dabei orientierten sie sich an den Preisen, die Hauseigentümer verlangten, wenn sie ihre Wohnungen neu vermieteten.

Für die steigenden Mietpreise gibt es bei allen regionalen Unterschieden einen entscheidenden Grund: Der Wohnraum ist knapper geworden. Trotz sinkender Bevölkerungszahl gibt es mehr Haushalte. „Jährlich kommen rund hunderttausend dazu“, schätzt Stefan Kampmann vom Deutschen Mieterbund. Denn immer mehr junge Leute aus den geburtenstarken Jahrgängen gründen eigene Hausstände und suchen vor allem nach Wohnungen für ein bis zwei Personen.

Gleichzeitig finden sich immer seltener Bauherren, die Miethäuser hochziehen. Nach den Statistiken des Verbandes der deutschen Hypothekenbanken sank 1987 die Zahl der fertiggestellten Mietwohnungen um etwa zwanzig Prozent auf 30 000 Einheiten. Diese Größenordnung wird auch für dieses Jahr erwartet. Die Hälfte davon wird Sozialmietwohnungen sein, was einem „Erinnerungsposten“ gleichkommt, wie man beim Deutschen Mieterbund meint. „Seit 1986“, erinnert Kampmann, „hat der Bund keinen Pfennig mehr für den sozialen Wohnungsbau ausgegeben.“ Die Länder wiederum hätten kaum Geld dafür, sagt er. Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bremen haben sich beim Kauf der Neue-Heimat-Wohnungen verausgabt.

In diesen Ländern gibt es kaum noch leerstehende Wohnungen. Heruntersubventionierte Mieten und die Knappheit an preisgünstigen Mietwohnungen machen das möglich. „Wir haben einen Leerstand, davon kann man nur träumen“, sagt Dieter Karg von LEG Wohnen, der NH-Nachfolgegesellschaft in Nordrhein-Westfalen. Nirgendwo sind mehr als zehn bis zwanzig ehemalige Neue-Heimat-Wohnungen am Markt. In Ratingen bei Düsseldorf beispielsweise waren in der vergangenen Woche nur neun von dreitausend Wohnungen nicht vermietet. „In Hamburg und Schleswig-Holstein“, glaubt Hermann Boekholt, Sprecher der NH-Nord, „wird bis Mitte dieses Jahres bei uns die Vollvermietung erreicht sein.“ Im Sommer 1985 standen dort noch 2136 Wohnungen leer.

Die Situation im freifinanzierten Wohnungsbau ist ähnlich. Die Zeiten, als Vermieter von Neubauten in München happige Preisnachlässe von zwanzig bis dreißig Prozent in Kauf nehmen mußten, damit sie ihre Wohnungen an den Mann bringen konnten, sind längst vorbei. Heutzutage führt die bayerische Landeshauptstadt den Immobilienindex von Südprojekt an. Lagen die Mieten dort schon 1986 knapp 45 Prozent über dem deutschen Durchschnitt, so kam es im vergangenen Jahr zu einer erneuten Mietpreissteigerung von 3,9 Prozent.

An Luxusappartements herrscht allerdings kein Mangel in der Isar-Metropole. Große Schwierigkeiten indes hat, wer eine hundert Quadratmeter-Wohnung in normaler Lage sucht und 1500 bis 1800 Mark zahlen will. „In München herrscht Wohnungsnot“, meint denn auch Thomas Vorwerk, der Geschäftsführer von Südprojekt. Die Stadt sei doppelt so dicht besiedelt wie Hamburg, habe nach Berlin die meisten Hochhäuser, überdies könnten pro Wohnung statistisch gesehen nur 1,63 Personen Unterschlupf finden – für Familien viel zu wenig. „Da müssen sich die Politiker etwas einfallen lassen“, meint Vorwerk und schlägt vor, es müßten vor allem „bedarfsgerechte Wohnungen von normaler Qualität“ gebaut werden. Privatinvestoren finden sich für den Mietwohnungsbau kaum noch. Die erwarten nämlich nur mickerige Renditen und befürchten langfristig Leerstände, weil die Zahl der Haushalte in vierzig Jahren wohl sinken wird. Deshalb, so Vorwerk, müßte der Staat einspringen und gezielt dort, wo die Not groß ist, Sozialwohnungen bauen.