Von Wolfgang Boller

Bier ist, wie man namentlich in Bayern weiß, eine Weltanschauung, ein Nahrungsmittel, ein Naturprodukt, ein Brauereierzeugnis, ein Markenartikel und ein Wirtschaftsfaktor. Bier ist gleich Bier, so wie Apfel und Birnen Früchte sind, aber ein Bier und ein Bier sind nimmermehr dasselbe.

Vor jedem steht eine frische Halbe auf dem Tisch, Labsal und Wohltat verheißend. Der Augenschein wüßte vordergründig zwischen hellem und dunklem Bier, die Zunge möglicherweise auch zwischen Export und Pils zu unterscheiden und rückte so die Freude am geliebten Gesöff in die Nähe der Kennerschaft. Doch weil einer nur sieht, was er weiß, und würdigt, was er begreift, haben sich ein Dutzend Biertrinker aus deutschen Landen zum Bierseminar im „Braumeisterstübla“ zu Bamberg eingefunden.

Man sollte besser sagen: ein halbes Dutzend ehrbare Zecher mit ihren minder motivierten Gefährtinnen, die den bierseligen Männern vor drohenden Runden flink ihr halbvolles Glas unterschieben und in verständnisvoller Toleranz durchblicken lassen, daß sie eigentlich viel eher der Weinflasche ergeben sind. Aber auch sie wollen mehr vom Bier wissen (als daß es, notabene, schmeckt und erquickt), und sei es zum tieferen Verständnis ihrer Lebensgefährten.

Braumeister Hummel läßt kraft Kompetenz und Leibesfülle keinen Zweifel daran aufkommen, daß er Bier zu brauen, zu analysieren und zu schätzen weiß („Wenn ich ein Bier seh’ und ist kein Schaum drauf, hab’ ich schon kein’ Durst mehr“). Seine theoretischen Unterweisungen haben nicht die Überzeugungskraft des praktischen Anschauungsunterrichts im Wirtshaus. Historische Marginalien sind aber das unerläßliche Rüstzeug zum Studium der fröhlichen Wissenschaft. Und der Braumeister trägt’s vor, als wäre er dabeigewesen: Eine Hausfrau aus dem Land Sumer in Babylonien hat vor schätzungsweise 6000 Jahren in einer Schüssel mit vergessenem Brotteig die Gärung entdeckt. Das erste Bier wurde aus gekautem Brotteig bereitet, den Göttern als Opfer, den Königen als Trank gereicht. Die Babylonier brauten und exportierten (nach Ägypten) schon 20 Sorten Bier, ihr König Hammurabi (1728 bis 1686 v. Chr.) bedrohte in seinem beispielhaften Gesetzeswerk Bierpanscher mit dem Tod durch Ertränken im eigenen Faß und regelte das Bierdeputat seiner Untertanen nach deren sozialem Rang, und so, als wäre die Ungerechtigkeit seit Anbeginn der Kulturgeschichte kodifiziert, war denen, die ihr Brot mit Schweiß verdienten, der geringste Schluck gegönnt: zwei Maß täglich den Arbeitern, drei den Beamten, fünf den Verwaltern und Oberpriestern,

Juden, Griechen, Römer, und Kelten kannten die Kunst des Bierbrauens. In der Mythologie der trinkfesten Germanen war das Himmelsgewölbe ein einziger Braukessel. Im finnischen Nationalepos Kalevala sind dem Bier 400 Verse gewidmet, der Erschaffung der Welt 200. Brabanter Mönche brachten den Hopfen ins Bier. Die letztlich entscheidende, epochemachende Wendung zum unverdächtigen, reinen deutschen Bier kam aber erst mit dem Gebot der Bayernherzöge Wilhelm und Ludwig...

Während der Braumeister vorträgt, beobachten die Seminaristen einander aus den Augenwinkeln, taxieren sich gegenseitig im persönlichen Beruferaten und belauern einander, ob einer nicht durch Vehemenz des Zugs oder ausuferndes Trinkbehagen verrät, daß er ein Schluckspecht ist. Jeder wüßte vom anderen gern Amt, Geschäft und Stellung, ohne die eigene berufliche Identität zu lüften. Der grauborstige Kommilitone in Bundhosen und gewürfeltem Flanellhemd, mit Wollstrümpfen, Haferlschuhen, Lederweste und goldener Uhrkette auf der Brust ist offenbar ein Laienschauspieler vom Tegernseer Bauerntheater, tatsächlich aber ein pensionierter Ingenieur vom Kölner Elektrizitätswerk. Der rechthaberische Biertrinker im gedeckten Straßenanzug mit passender Krawatte macht den Eindruck eines Lehrers aus der Südheide, in Wahrheit ist er ein Exportkaufmann aus Duisburg Der mutmaßliche Binnenschiffahrtskapitän mit Muskeln wie Ankertaue ist Brandmeister der Ratinger Berufsfeuerwehr. Die anderen: ein Buchhalter, ein Offsetdrucker, ein Apotheker, Hausfrauen.