NRD III, Donnerstag, 4. Februar, 22.05 Uhr: „Berlin im Film“, 2. Teil, von Michael Strauven

Kurz vor Schluß fällt ein Satz, der das Motto dieser zweiteiligen Sendung sein könnte: Jeder Film sei auch ein Abbild der Zeit, in der er entstanden ist. Er macht zugleich klar, daß sie gar nicht sein kann, was ihr Titel vermuten läßt: eine Kollektion von Abbildern der Stadt selber. Nein, man lernt Berlin weder neu noch überhaupt sehen – aber das hatte der Autor schon bald selber erfahren, als er sich dem fast unvorstellbaren Abenteuer aussetzte, seiner Idee zuliebe zwei Jahre lang nicht weniger als 240 Spielfilme zu betrachten und daraus Zitate zu sammeln.

Die erste Hälfte dieser erstaunlichen Anstrengung war schon am 21. Januar zu sehen; darin hatte sich der Autor die Filme von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vorgenommen und nach charakteristischen Berlin-Passagen durchforscht. Der zweite, für kommenden Donnerstag angesagte Teil wendet sich Filmen von 1945 bis heute zu. Entstanden ist so etwas wie eine gesellschaftspolitische Revue, teils chronologisch, teils milieutypisch, teils stadtgeographisch geordnet. Die Stadt gibt dabei nichts weiter als die wirklich oder nur scheinbar realistische (oder im Atelier nachgebaute) Kulisse für Ereignisse ab, deren etliche tatsächlich nur hier haben geschehen können: Berlin war Hauptstadt, Berlin ist, wenngleich geteilt, Großstadt geblieben. „Alle Dinge sind ganz“, zitiert Helke Sander Thomas Brasch, „und wenn man sie teilt, werden sie wieder ganz.“ Gegen Ende hört man den Satz, Berlin sei der einzige Ort, der noch Geschichte atme.

Es beginnt hier, wie anders, mit der in Schutt und Asche gelegten Stadt, genauer: mit der zertrümmerten Nation, schlimmer: mit der ruinierten Moral und dem Versuch, damit ins Reine zu kommen. Man sieht die mühselig geflickte, sich erst allmählich, dann blindwütig wieder aufbauende Stadt rings um die Gedächtniskirche, in Kreuzberg, an der Havel. Viel intensiver aber begegnet man ihren eigentlichen Charakteristika: Trümmerfrauen, Blockade, Luftbrücke, der besiegelten Teilung und ihren unerbittlichen, bald nicht mehr zu überlistenden Folgen, auch dem kalten Krieg, dem Wohlstandshochmut und dann den Halbstarken, der Mauer, den deutsch-deutschen Liebesdramen. Es geht rasch weiter: Jugendrevolte, Notstandsgesetze, Vietnam, Apo, Drogenszene, Subkultur und Tourismus. Als wollte Michael Strauven beweisen, daß es doch nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Orte waren, die ihnen das Unverwechselbare gaben, läßt er den Greis (den alten Curt Bois in Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“) an der Mauer entlangtapsen und seufzen: „Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden...“ Wie auch. Und zeigt in drei, vier Szenen aus alten Filmen, was da weggeschossen, -gebombt, abgeräumt worden ist: das Zentrum Berlins.

„Berlin im Film“ ist ein kompakter, geschickt zusammengesetzter, ziemlich treffender Repetierkurs, der sein Dilemma nach Kräften überspielt, nämlich von vielem ein bißchen zu sein, teils Stadtbild- und Milieukunde, teils Filmkritik; am ehesten stellt er eine Analogie Berliner Begebenheiten dar, wie der Spielfilm sie gefunden, erfunden und formuliert hat, einen dramaturgisch komponierten Zitatenschatz. Er ist unbestreitbar unterhaltsam.

Manfred Sack