Es waren ja nicht nur diese albernen Kerzen, die ihn beelendeten. Ebensowenig konnte er das Gezirpe der elektronischen Registrierkassen in anderen Lokalen ertragen. Und da gab es immer häufiger diese gedungen wirkenden Kellner und Kellnerinnen; sie waren wenig freundlich, aber so überarbeitet, daß man ihnen die Unfreundlichkeit nicht vorwerfen konnte. Sie fragten einen, mit welchem dressing man den Salat haben wollte, italienisch oder französisch? Wieso konnten die eigentlich nicht mehr Sauce sagen? Sauce war doch ein schönes Wort. Auch ein Fremdwort, aber was für eines, das hatte noch Bedeutung. Da schwamm noch etwas mit. Das war wenigstens noch im übertragenen Sinn verwendbar für diese undefinierbare Pampe, mit der die Dinge des Lebens sich zu einem Morast verbanden. Sauce enthielt noch etwas organische Substanz, da dachte man noch an Gulasch und Wacholderbeeren. Dressing aber, das war nur noch ein bißchen künstliches Geklecker, mit dem man den Salat anmachte.

Joseph von Westphalen: Wohin mit mir?, in: Der Rabe, Haffmans Verlag, Zürich

Gut gesagt

Immer noch kommt es gelegentlich vor, daß wir einen Schritt vor den andern setzen, ohne zuvor im „Handbuch des Gehens“ nachgeschlagen zu haben. Immer noch setzen wir manchmal die Gabel an den Mund, ohne zuvor den Volkshochschulkurs „Wie esse ich richtig?“ besucht zu haben. Immer noch kommt es vor, daß wir vögeln, ohne zuvor die Katholische Akademie in Hamburg konsultiert zu haben. Manchmal allerdings, das müssen wir zugeben, stolpern wir, manchmal verschlucken wir uns. So werden wir wohl nicht umhin können, die Veranstaltungsreihe „Mitmenschlichkeit und Sexualität“ der Katholischen Akademie zu besuchen. Denn „der Umgang mit der Sexualität ist in unserer Gesellschaft noch immer mit vielfältigen Störungen und Abnormitäten belastet“, schreibt Dr. Günter Gorschenek in seinem Programm, „es ist daher notwendig, ausgehend von soziologischen und psychologischen Analysen, über das Erscheinungsbild der Sexualität im individuellen und sozialen Kontext Wege aufzuzeigen und zu diskutieren, die zu einer humanen Gestaltung der Sexualität führen.“ Verdammt, das ist gut gesagt! Ausgehend vom Umgang über das Erscheinungsbild Wege zur Gestaltung im Kontext aufzuzeigen, und das alles irgendwie sexuell und in der Katholischen Akademie, die also ganz weltoffen und modern und eigentlich doch sehr locker und andererseits auch ernst und wissenschaftlich, auch moraltheologisch dieses heikle Thema mutig angeht... Respekt, Respekt! Vor allem, wenn man an die vielfältigen sexuellen Störungen und Abnormitäten gerade in der Katholischen Kirche denkt. Wer wäre berufener, Wege aufzuzeigen? So lasset uns denn gehen. Ich aber sage Euch: Wer nicht geht, stolpert nicht; wer nicht ißt, verschluckt sich nicht. Und wer redet, vögelt nicht.

Adieu Du?

Gerade hatte man sich gefreut über die Januarnummer der schweizerischen Monatsschrift DU, in der die erlesen exzentrische Künstler- und Architektengruppe SITE aus New York in Text und Bild quasi kongenial vorgestellt wurde. Und schon oft hatte man sich bei einem Blick ins Impressum gewundert, wie diese „Zeitschrift für Kunst und Kultur“, die nach bundesrepublikanischen Maßstäben von mindestens zehn Redakteuren und Graphikern gemacht werden müßte, mit nur vier Redakteuren und einem Herrn fürs Artdirectoriale so oft so gut sein konnte – ein bißchen abgehoben vom Tagesgeschehen des sogenannten Kulturbetriebs, gewiß, dafür aber mit ungewöhnlichen Photoportfolios und monographischen Heften. Jetzt wird man sich vielleicht bald nicht mehr wundern, denn Wolfhart Draeger, seit über acht Jahren Chefredakteur des DU, wird Mitte des Jahres seine Tätigkeit aufgeben. Warum? Es ist die alte Geschichte; die seit 1941 erscheinende Zeitschrift wurde an die Tagesanzeiger AG verkauft, das zweitgrößte Medienunternehmen der Schweiz. Und nun soll alles ganz anders werden.