Fernseh-KritikSchlecht geölt

ZDF, Sonnabend, 6. Februar, „Wir stellen uns“

Was sie schon immer übers ZDF wissen wollten, bislang aber nicht zu fragen wagten – damit durften sie letzten Samstag den Programm-Direktor persönlich behelligen. Na, vielleicht nicht gerade Sie, aber doch ein paar Leser der Frankfurter Rundschau, die gemeinsam mit FJL-Redakteur Morgenstern in einem Mainzer Studio zwecks Fernseh-Kritik Platz genommen hatten. Alois Schardt hieß der Mann, der sich „stellte“, und Moderator Frank Elstner gab ihm gleich zu Beginn Gelegenheit zu einem großen Wort. Ob er, Schardt, nicht gezogen habe, sich ausgerechnet vom heiklen F.R.-Volk befragen zu lassen? Sprach der Chef: Das Schwierige, das sei’s ja, was allein sich lohne.

Offenbar gilt diese Wahrheit für einen Programmdirektor nicht, wenn er hinterm Schreibtisch sitzt.

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Es kamen die zu erwartenden Fragen nach Mangel an Jugendsendungen, Überfluß an Serien, Gewalt und Werbung und nach der berüchtigten Praxis, das Niveau in die Nachtstunden abzuschieben. Es kamen die erwarteten Antworten von den großen Plänen und den kleinen Spielräumen, den Mehr- und den Minderheiten und der Endlichkeit von Sendeplätzen. Alois Schardt, der beim Fernsehen außer Pförtner wirklich nur Verwaltungsmann hat werden können, da er exakt so telegen ist wie ein TV-Gerät nach Programmschluß, „bekannte“ sich zur Serie, freute sich, daß die interessanten Sachen so spät laufen („Weil ich dann erst nach Hause komme“), hat Psychologie studiert und teilte ungefragt mit, daß er Vater dreier Kinder sei und unter den Nazis im Gefängnis gesessen habe (zwei Wochen). Mit Politik kenne er sich aus, obwohl er das gar nicht nötig hat, denn für die und den Sport ist er nicht zuständig.

Es ist schwer zu begreifen, was diese schlecht geölte Sprechblasenmaschine in ihre hohe Funktion gehievt hat, und es ist erleichternd, zu vernehmen, daß sie die längste Zeit im Dienste war. Schardt wechselt an die Universität Mannheim, wo ihm eine Jugend an den Hals zu wünschen ist, die weniger höflich fragt. Denn was soll man von einem öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher halten, der einer ob des Vorabend-Schwachsinns verzweifelnden Fragen zu verstehen gibt, sie brauche ja nicht fernzusehen? Sie führe ja wohl auch nicht mit allen Frankfurter Straßenbahnen, nur weil die vorhanden seien!

Starren Gesichtskastens parierte der ZDF-Mann mit wahlweise Leugnung, Ablenkung, Beschwichtigung oder trotzigem Eigenlob. Ging es um product placement, war das Fernsehen ein Abbild der Umstände, die nun mal mit Reklame tapeziert sind: „Wir zeigen die Wirklichkeit.“ Ging es um „Waldhaus“ und das schiefe Bild, das dieser Serien-Flop vom Hotel-Gewerbe male, war Fernsehen plötzlich die Zuflucht der Fiktion. „Wir arbeiten ja völlig anders, als die Wirklichkeit darzustellen.“

Man versteht zur Not, wenn ein Regierungspolitiker notorisch so tut, als stünde alles zum besten. Aber Fernsehmacher sind weder Mandats- noch Geheimnisträger. Sie können sich in alle Karten gucken lassen und alle Zwänge beim Namen nennen, die ein besseres Programm verhindern. Solange sie sich weigern, nähren sie den Verdacht, daß sie selbst zu den Hindernissen zählen. Barbara Sichtermann

 
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