Todsicher geheilt
Die Scharlatane haben Aids entdeckt
Von Jörg Albrecht
Ein Patient, der sich Alexander Preuß anvertraut, muß schon ein bißchen tiefer in die Tasche greifen. Rund 20 000 Mark kostet bei ihm eine „Ozontherapie“. Daß der Stuttgarter Arzt trotzdem regen Zulauf findet, liegt in der Natur der Krankheit, die er behandelt: Wer Aids hat, greift nach jedem Strohhalm.
Preuß ist nicht der einzige, der die Therapielücke erkannt hat. Auch der Münchner Arzt Horst Kief verspricht sich und seinen Patienten wundersame Heilung durch Ozon. Er zapft ihnen Blut ab, leitet unter Druck das Gas hinein und spritzt das Ganze retour. „Ozon ist wie ein Antibiotikum“, sagt Kief, „ich habe es bei über 10 000 Patienten angewandt. Nur viermal kam es zu Zwischenfällen, zu Allergien, die ich aber sofort mit Cortison wieder wegbekam.“
Wenn letzteres stimmt, ist es das einzig Positive, was sich über die Ozonkur sagen läßt. Das Gas, eine dreiatomige Variante des normalerweise zweiatomigen Sauerstoffmoleküls, ist ein starkes Oxidationsmittel; es wird deshalb gern in Schwimmbädern als Desinfektionsmittel eingesetzt, obwohl es recht giftig ist, Augen und Atemwege reizt und in höheren Konzentrationen Lungenödeme verursacht. Was es in der Blutbahn des Menschen bewirken soll, wissen Kief, Preuß und eine Handvoll von Wunderheilern allein. Den Ausdruck „Scharlatan“ müssen sie sich gefallen lassen, das hat die 15. Zivilkammer des Stuttgarter Landgerichts entschieden.
Kein Mittel scheint zu exotisch, keine Substanz zu giftig, als daß sie nicht zur Zeit als Aids-Medikament angeboten würde. Es sieht ganz so aus, als wiederhole sich hier die Endlosgeschichte vom Antikrebsmittel: Ob Saft von fleischfressenden Pflanzen oder Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, ob Rhizinus oder Eibenrinde – alles wurde verordnet und alles erwies sich als Humbug. Im Falle von Aids sind die Töne eher noch schriller. Schon hört man auch hier die Mär vom segensreichen Vitamin C: Der amerikanische Arzt Robert Cathcart verabreicht die unglaubliche Menge von einhundertzwanzig Gramm pro Tag und berichtet, seine Patienten fühlten sich „besser denn je“. Auch Manfred Köhnlechner hat sich bereits zu Wort gemeldet und Thymusdrüsenextrakt empfohlen.
Das Strickmuster der Geschichten ist stets das gleiche: Jemand hat eine „Wunderdroge“ gefunden und würde sie zum Wohle der Menschheit gern unters Volk bringen. Da die Krankheit sich rasch ausbreitet, muß er auf den mühsamen und langwierigen Weg der klinischen Erprobung leider verzichten. Aber immerhin: Drei Infizierte mit ganz schlimmen Symptomen wie Kaposi-Sarkom und Pneumocystis carinii hat er behandelt, und es geht ihnen schon viel besser. Warum also gibt es das Mittel nicht längst in allen Apotheken, warum müssen all die tausend Patienten hoffnungslos dahinsiechen? Ganz einfach: Weil eine internationale Verschwörung der pharmazeutischen Industrie das große Geld wittert und weil die verbohrten Schulmediziner nicht von ihren eingefahrenen Methoden lassen wollen.
So geistert seit ein paar Jahren das Gerücht von der Wirksamkeit eines Medikaments herum, das der Amerikaner James Henry, Mitarbeiter einer Firma für Orthopädiebedarf, entdeckt hat. Es besteht aus einer Handcreme, die mit Alkohol und einer Chemikalie namens Dinitrochlorbenzol verrührt wird. Angeblich soll die Mixtur das Immunsystem stimulieren. Tatsächlich dürfte ihre Verwendung zu ernsten Komplikationen führen, denn Dinitrochlorbenzol (DNCB) ist als hochwirksames Allergen bekannt; wer sich die Substanz auf die Haut aufträgt, entwickelt eine heftige Allergie. Die Verbreitung der „Wunderdroge“ hat das nicht aufhalten können.







