Von Thomas Kleine-Brockhoff

Der Bericht der Historikerkommission ist eingereicht. Und doch läßt der Fall Waldheim Professor Manfred Messerschmidt keine Ruhe. Stundenlang sitzen wir bei ihm zu Hause in Freiburg; immer wieder kommt Messerschmidt auf Kurt Waldheim zu sprechen. So, als sei der Historikerbericht nicht eine Episode, sondern das beherrschende Thema seines Lebens.

Vier Stunden lang hat Messerschmidt mit seinen Historikerkollegen den österreichischen Präsidenten befragt, wochenlang ist er herumgereist, hat in Archiven Akten gewälzt und die Vergangenheit Waldheims bis in marginale Details ausgeforscht. Das sei „fast wie in einem der großen KZ-Prozesse“ gewesen, sagt Messerschmidt. Sichtbar wurde für ihn wieder einmal die „tiefe Verstrickung selbst des kleinen Mannes in diese NS-Maschinerie“, ein System, das durch „Tausende von Waldheims“ funktionierte.

Dem Menschen Waldheim ist Messerschmidt kein Stückchen näher gekommen; die persönlichen Konturen bleiben für ihn verschwommen. Gerade diese Fremdheit nach so intensiver Beschäftigung ist es, die den Historiker verunsichert. „Sind wir der Person Waldheim gerecht geworden? Waren wir in unserem Bericht, wie manche kritisieren, zu nüchtern?“ zweifelt er, gerade aus Wien zurückgekehrt.

Während der Anhörung hat sich Messerschmidt gefragt, wie er sich in vergleichbarer Lage verhalten hätte. Nur wenige Jahre trennen Waldheim von Messerschmidt, der 1943, siebzehnjährig, Flakhelfer in Dortmund war und nach dem Arbeitsdienst im letzten Kriegsjahr Pionier an der Westfront wurde. Messerschmidt beendete den Krieg als Gefreiter, Waldheim als Oberleutnant. Wäre er ein bißchen älter gewesen, hätte er seine Paraphe möglicherweise unter ähnliche Dokumente setzen müssen wie Waldheim auf dem Balkan. „Die Kommission hat von keinem Fall Kenntnis erhalten, in welchem Waldheim gegen Anordnungen eines von ihm zweifellos erkannten Unrechts Einspruch erhoben, Protest geführt oder irgendwelche Gegenmaßnahmen getroffen hat“, heißt es im Bericht der Historikerkommission. Hätte Messerschmidt solchen Ansprüchen genügen können? Er beantwortet die selbstgestellte Frage nicht.

Seit 25 Jahren, ein halbes Forscherleben lang, beschäftigt er sich am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg mit der Geschichte der Wehrmacht. Unter dem Protestgeschrei alter Soldaten hat er die Befolgung rechtswidriger und unmenschlicher Befehle als rechtswidrig und unmenschlich gebrandmarkt. Befehl und Gehorsam, hat er immer wieder geschrieben, seien mehr als ein formales Prinzip; Befehl und Gehorsam müßten an Inhalte gebunden sein. Die „Dimension des Humanen“ dürfe niemals verloren gehen.

„Bisher“, sagt Messerschmidt, „haben wir als Militärhistoriker bei dieser Problematik immer die Spitze der Pyramide betrachtet mit unseren Fragen nach Befehlen Hitlers und den Reaktionen der Generale.“ Nun aber geht es um den Oberleutnant Waldheim, den kleinen Herrn Jedermann, der im Krieg nur Befehle ausführte und fürs Vaterland kämpfte. Wie groß war der Spielraum der vielen Waldheims tatsächlich?