Michel Leiris: Schriftsteller, Ethnologe, Kunstkritiker und Kunstsammler

Von Constantin von Barloewen

Es war vor mehr als zehn Jahren in Paris, an einem frühherbstlichen, regnerisch-verhangenen, dennoch sommerlich warmen Tag. Die Stufen der Treppe, die zu dem tiefer gelegenen Restaurant des „Musee de l’Homme“ am Place Trocadero führten, waren kaum noch von Besuchern bevölkert. Es war nach 18 Uhr am Abend, und die Ausstellungen in den weitverzweigten Hallen des Museums waren bereits geschlossen.

Rechts neben der etwas altertümlichen Pforte des Restaurants befand sich die Bar des Museums, ein langer blankgeputzter Tresen, hinter dem ein älterer, sehr höflicher weißbefrackter Kellner die letzten schmalhalsigen Ricardflaschen abräumte. Am Ende des Tresens lehnte, fast alleine in dem hohen Raum, der jeden Schritt dutzendfach widerhallen ließ, Michel Leiris. Er schien ein wenig in Gedanken versunken, rauchte eine Zigarette und blickte etwas ungläubig in sein bereits geleertes Glas. Der fragile, ja fast zierliche ältere Herr hob bei meinem ersten Schritt den Kopf und lächelte herzlich bei der Begrüßung.

Ein kurzes Glas Weißwein gemeinsam, der Kellner ist einsichtig und kennt die Bedeutung seines Gastes, der an dieser Stelle seit Jahrzehnten immer wieder zu stehen pflegt, um sich ein wenig von der Denkarbeit zu entspannen.

Michel Leiris, der am 20. April 87 Jahre alt wird, ist gewiß als Ethnologe, Schriftsteller und Dichter eine zentrale Figur des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist einer der ganz wenigen noch lebenden Zeugen des Surrealismus, von dem er sich wieder entfernte nach der Unterzeichnung der ersten Manifeste. Dies reicht bis in die Zeit eines G. Limbour, Raymond Roussel oder später Maurice Blanchot und Roger Caillois zurück oder zu den träumerischen Dichtungen eines Nerval, Max Jacob oder Apollinaire, die Leiris alle sehr nahe standen. Georges Bataille blieb ein Leben lang ein Freund der ersten Stunde.

Michel Leiris schlägt vor, das Restaurant zu verlassen und in das Tiefgeschoß des Museums zu gehen, um für das erste Gespräch ein wenig mehr Ruhe zu finden. Die Vokabel „Bureau“ vermeidet Leiris, er scheint zu spüren, daß sie seiner zeitlebens unbürgerlichen Lebensform nicht entspräche, und verwendet den Begriff „Arbeitsraum“.