Spekulationswellen treiben Börsenkurse und Bodenpreise in ungeahnte Höhen

Von Helmut Becker

Im Januar, zu Beginn der Parlamentarischen Beratungen des nächsten Staatshaushalts, hielt Eiichi Nakao eine frohe Botschaft für das hohe Haus in Tokio bereit: „Japans Wirtschaft wird im Fiskaljahr 1988 erstmals ein tägliches Bruttosozialprodukt von einer Billion Yen erreichen“, rechnete der Chef des Wirtschaftsplanungsamtes (EPA) den Abgeordneten vor. Dann urteilte der oberste Konjunkturplaner: „Für Japans Wirtschaft hat ein neuer expansiver Wachstumszyklus eingesetzt.“

Das ist neu und grenzt an ein zweites Wirtschaftswunder. Noch im Sommer vergangenen Jahres sah es düster aus im Inselreich: Der rasche Dollarverfall hatte der japanischen Exportindustrie die größten Ertragseinbrüche seit der ersten Ölkrise beschert. Die Creme der japanischen Großindustrie schrieb rote Zahlen, die oft nur durch Börsenprofite ausgeglichen werden konnten. Strukturschwache Branchen wie Schiffbau, Reedereien, Stahl und selbst Unterhaltungselektronik wurden notleidend und kündigten drastische Massenentlassungen an. Japans geschönte Arbeitslosenstatistik erreichte im Mai ein Nachkriegsrekordhoch von 3,2 Prozent und sorgte für Panik. Die hoffnungslos verschuldete Regierung schließlich begann sich erst langsam von den Blessuren zu erholen, die das Scheitern ihrer Steuerreformpläne im Frühjahr geschlagen hatte.

Obendrein drängte Washington immer heftiger auf eine Ankurbelung der japanischen Binnenkonjunktur in der Hoffnung, dadurch von dem gewaltigen Handelsdefizit mit dem fernöstlichen Rivalen herunterzukommen. Im Export, dem Konjunkturmotor seit einem Jahrzehnt, wurde keine müde Mark verdient; Nippons Konzerne verlagerten wie nie zuvor ihre Produktionskapazitäten nach Übersee in Billiglohnländer oder in Märkte wie die USA, wo die Drohung mit Protektionismus am glaubhaftesten tönte.

„Seit der Dollar unter die Parität von 170 Yen gefallen ist, verdient bei uns im Export kein Hersteller mehr“, klagte damals Shoichiro Toyota, Chef des größten Autoherstellers Toyota. Das Ende des japanischen Wirtschaftswunders schien nahe. Doch es kam anders. Heute ist die Leitwährung zum Yen auf unter 130 gerutscht und dennoch: Soweit der Blick reicht, meldet die Inselwirtschaft ein Comeback, und die Börse boomt, als habe es nie einen Schwarzen Oktober gegeben. Die Untergangsszenarien, mit denen Tokios große Forschungsinstitute noch vor einem Jahr aufwarteten, werden schamhaft in den Archiven verborgen.

So ungetrübt scheint heute der Konjunkturhorizont des Inselreichs, daß der Präsident der Bank of Tokyo, Yusuke Kashiwagi, Fragen nach möglichen Wachstumseinbrüchen durch einen abermaligen Dollarrutsch ungnädig beiseite schiebt: „Die Yen-Hausse ist nun wirklich kein brennendes Tagesgespräch mehr in unseren Wirtschaftskreisen.“ Noch vollmundiger heißt es bei seinem Chefberater, dem prominenten Ökonomen Teruhiko Mano: „Nach zwei Jahren negativer Wirkungen des Yen-Aufstiegs entdecken wir jetzt fast nur noch dessen Vorteile.“