Wie auf dem Schreibtisch eines Menschen, so sieht es auch in seinem Kopf aus.“ Das perfekte Gegenbeispiel zu diesem, bei Pädagogen so beliebten Spruch ist Walter Gilbert. Professor für Zell- und Entwicklungsbiologie an der Harvard-Universität im amerikanischen Cambridge, bei Boston. Auf seinem großen Tisch im alten Backsteinbau der Biologie-Laboratorien türmt sich ein hoher Berg aus Akten, Briefen, Photos und divesen Büroutensilien – ein heilloses Durcheinander.

Doch dem 56jährigen Nobelpreisträger steht der Sinn nach strenger Ordnung, der Grundordnung des menschlichen Seins; es geht ihm darum, zu erfahren, in welcher Folge die etwa drei Milliarden Bausteine der Erbsubstanz DNA in den zu Chromosomen verknäulten Doppelwendeln aufgereiht sind. Vor allem möchte der ein wenig rundliche – untersetzt nennt man das wohl – Gelehrte mit der hohen Stirn wissen, an welchen Positionen auf den DNA-Strängen die schätzungsweise hundert- bis zweihunderttausend Gene des Menschen zu finden sind, und aus welchen Molekülfolgen sie bestehen. Gilbert selbst hatte Ende der siebziger Jahre den Anfang mit dieser Kartographierung des menschlichen Genoms – so wird die Gesamtheit der Gene genannt – gemacht, als er in seiner nobelpreisgekrönten Arbeit eine Methode fand, Gene zu isolieren und deren Molekülsequenz zu ermitteln.

Inzwischen ist diese „Gensequenzierung“ verbessert und vor allem automatisiert und damit zu einer Routinetätigkeit geworden; „das brauchen nun nicht mehr Wissenschaftler zu tun“ erklärt Gilbert, „das kann industriell ausgeführt werden. So etwas ist von allergrößter Wichtigkeit.“ Wichtig ist es ihm, weil sich sein Traum, die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms, nur verwirklichen läßt, wenn er nicht zu viele Wissenschaftler von anderen biologischen Forschungsarbeiten abzieht. Diese Befürchtung nämlich führen manche seiner Kollegen als Argument gegen sein „Megaprojekt“ ins Feld – geschätzte Kosten: 50 Millionen Dollar pro Jahr, und das zehn Jahre lang.

Wenn Walter Gilbert auf dieses Vorhaben zu sprechen kommt, werden seine Gesten lebhaft und seine Sprache hastig. Ungeduldig wartet er darauf, daß ich ihn frage, warum dies alles denn so wichtig sei. „Aus zwei Gründen“, doziert der Professor, „das Projekt wird erstens ganz sicher die biologischen Wissenschaften und die Medizin zu gewaltigen Fortschritten stimulieren. Zweitens wird es unsere Vorstellung von uns selbst erheblich beeinflussen und unser Wissen über die elemtare Steuerung des Lebens vertiefen.“

Vertiefung des Wissens – für Walter Gilbert würde dies allein schon einen gigantischen finanziellen und personellen Einsatz rechtfertigen. In seinem früheren wissenschaftlichen Leben war dies das einzige Ziel seiner Forschungen. Damals beschäftigte er sich als Physiker mit der Theorie der Elementarteilchen, die auch das Thema seiner Doktorarbeit für die mathematische Fakultät der alten Universität im britischen Cambridge war. Auch in Harvard hatte er sich als Physikprofessor jahrelang mit den Elementarteilchen der unbelebten Natur befaßt, ehe er seine „Passion“ für die elementaren Partikel des Lebens entdeckte. „Hier hatte ich eine Aufgabe vorgefunden, die über den kulturellen Wert, der jeder Naturwissenschaft zukommt, hinaus für die Menschheit hilfreich sein kann“, gesteht er in einem halb verschluckten Nebensatz. Nebensächlich ist ihm dieser Aspekt seines neuen Tuns ganz und gar nicht. Vor acht Jahren verließ Doktor Gilbert seine beneidenswerte Position als Professor an einer der bedeutendsten Universitäten der Welt, um sich in ein kommerzielles Abenteuer zu stürzen. Er wurde Präsident von „Biogen“, eines der mit viel Vorschußlorbeeren und viel Risikokapital bedachten Unternehmen, die sich die Entwicklung und Vermarktung gentechnisch hergestellter Pharmaka vorgenommen hatten.

Vier Jahre dauerte es, bis Gilbert und seiner Firmenleitung dämmerte, was den meisten seiner Fachkollegen von vorneherein klar gewesen war: Ein von wissenschaftlicher Neugier umgetriebener Forscher taugt nicht zum Manager. Harvard nahm den verlorenen Sohn wieder auf und vergoldete ihm die Rückkehr in Alma Maters Schoß mit einer besonders prestigeträchtigen Professur, der „University Professorship“. Doch schon reizt ihn wieder eine Kommerzialisierung seines Forschungsgebiets. „Genome Corporation“ soll das Firmenkonsortium heißen, das die industrielle Sequenzierung des menschlichen Genoms zur Aufgabe hat. Zu Geld kommen würde das Unternehmen wie jedes andere mit dem Verkauf eines Produkts, in diesem Fall der Liste der menschlichen Gene. Denkbar ist dies freilich nur, wenn dieses Wissen durch ein Copyright geschützt werden kann.

Ein Copyright für unser aller Erbgut? „Das hat viel Aufsehen erregt und Ablehnung provoziert“, räumt Gilbert ein, „aber nur deshalb, weil sich die Kritiker nicht überlegt haben, was ein Copyright bedeutet. Man darf es nicht mit einem Patent verwechseln. Ein Gen ist nicht patentfähig, es ist keine Erfindung von irgendjemandem, sondern eine nach einem vorgegebenen, allgemein bekannten Verfahren erarbeitete Information. Daß zum Beispiel ein Buch durch ein Copyright geschützt ist, stört den Leser überhaupt nicht, es verhindert nur, daß Autor und Verlag nicht um den Lohn ihrer Arbeit betrogen werden. Das Unternehmen, dessen Mitarbeiter das menschliche Genom auflisten, würde – wie ein Buchverlag – mit dieser Information nicht hinterm Berg halten. Im Gegenteil: Es wäre daran interessiert, daß diese Datenbasis möglichst intensiv benutzt wird, allerdings nur gegen Entgelt.