Der neueste Märchenroman von Sigrid Heuck gibt Einblick in die innere Werkstatt der Erzählerin, indem die Autorin ein langes, phantasievolles Märchen in der Tradition von 1001 Nacht vor den Lesern ausbreitet.

Mit fünf Gaben einer guten Fee beschenkt, macht sich Süd auf die mühevolle Suche nach einem Schatz in der Wüste. Per Auto, Schiff und fliegendem Teppich bereist er ganz Nordafrika, um fünf Bedingungen zu erfüllen, die ihm den orientalischen Schatz verschaffen sollen.

Statt den erhofften Reichtum zu finden, verliert er schier alles, obwohl ihn seine erfahrungsreiche Odyssee nur mit wohlmeinenden und hilfsbereiten Menschen zusammenführt. So endet dieses Zaubermärchen scheinbar unbefriedigend, irgendwie unfertig, geradezu enttäuschend. Ihm fehlt die letzte Perle.

Sigrid Heuck erzählt eine zweite Geschichte. Die des fünfzehnjährigen Tuareg Abouli, der zum ersten Mal in einer Karawane mit seinem Vater durch die Sahara reitet. Auf dem Heimweg taucht scheinbar aus dem Nichts ein Kamelreiter auf und schließt sich der Karawane an. Er stellt sich als Märchenerzähler Suleiman vor und unterhält die Männer als Tribut für seine Mitreise mit der Geschichte Saids.

Beide Erzählungen sind aufs engste miteinander verwoben, liefern jeweils die Muster für die Fortsetzung der anderen. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein kunstvoll gewebter Roman, sondern auch ein überraschender, hoffnungsfroher Ausgang der literarisch meisterhaft gestalteten Geschichte.

Im Grunde gibt es nur eine Geschichte: Aboulis Reife während seines ersten Wüstenritts. Er selbst ist der Hakayati Said, der zur Erkenntnis gelangt, daß der Schatz in der Wüste, das Glück also, nicht irgendwo im Sande vergraben liegt. Es steckt im Menschen selbst. So ist das Binnenmärchen mythischer Ausdruck für innere Entwicklung. Liest man den Roman auf diese Weise, muß es so sein, daß die noch nicht erwachsene Titel-Figur den Schatz gar nicht erlangen kann. Darum kein glücklicher Ausgang. Erst die Realität wird diese Geschichte vollenden. Die Rahmenhandlung und die Binnengeschichte drehen sich um Hakayati, die arabischen Märchenerzähler. Sie vergleichen das Erzählen mit dem Weben. Die Grundidee spannt die Kettfäden, die den Teppich zusammenhalten. Aber sie allein bilden noch kein Webstück. So wenig die Dinge allein keine Geschichte ergeben. Erst der Erzähler läßt die quer laufenden Schußfäden Farben und Muster in die Struktur der Erzählung bringen. Dabei gilt es, fünf Gebote zu beachten. In der Anwendung der fünf Regeln (fünf ist die magische Zahl der Tuareg) beweist die Autorin, daß sie bei afrikanischen Erzählen in die Lehre gegangen ist. Ihr Roman wird zur angewandten Poetik über das Erzählen. Es ist wie im richtigen Märchen: Nichts kommt affektiert bedeutungsvoll daher. Scheinbar einfach und doch kunstvoll ist die Erzählform des Romans. Anschaulich beschreibt Sigrid Heuck Schauplätze und Personen, kunstvoll flicht sie fremde Begriffe und arabische Wörter ein, ohne den Erzählduktus durch Erklärungen zu unterbrechen. Ihr ist ein faszinierendes Stück Literatur gelungen, das lustvoll zu lesen ist. Heribert Beigel.

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