Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer, Geliebter, seitdem ich weiß, was Du zur Zeit durchmachst. Die Verzagtheit, die Bitterkeit in Deiner Stimme, als Du mich gegen Morgen anriefst und mir sagtest, daß Du drauf und dran seist, endgültig aufzugeben! Ich stelle mir vor, wie Du nach drei durchwachten Nächten bleich und hohläugig an Dein Tagewerk gehst, im Kopf immer nur das eine, Dein Problem, wie Du schwankst zwischen Kapitulation und Durchhalten, und wie Du beim Einbruch der Nacht dann doch wieder vor Deinem Rätsel Platz nimmst, inmitten eines Bergs von vergeudetem Papier, denn der Papierkorb ist längst übergelaufen, und wie Du nachdenkst, probierst, nachdenkst, probierst und doch nicht weiterkommst, mein armer Grübler.

Auch mich hat Dein Problem schon angesteckt, und vorhin beim Fönen schreckte ich plötzlich hoch mit dem Einfall: Die vertikale Initialisierung, die wird es sein! Doch das hast Du sicher längst versucht, und außerdem, ich weiß nicht recht: wäre 2F, die horizontale Initialisierung, nicht eigentlich aussichtsreicher?

Ich kann es Dir so gut nachfühlen, da ich’s ja, wie Du weißt, selber ein paarmal durchgemacht habe. Da hast du den hübschen teuren neuen Drucker seiner Wiege aus Kartoffelchips entnommen, ihm die Plastikwindeln abgestreift, und da steht er nun und hat es bestimmt in sich, aber wie entlockst du es ihm? Die Nabelschnur, die er braucht, liegt ihm nicht bei; also gehst du erst einmal und suchst einen Laden, wo das passende Druckerkabef nicht gerade ausverkauft ist. Jedesmal neu dabei die alte Verwunderung: Wie kann so eine prosaische elektrische Strippe fünfzig Mark kosten? Hat sich eine ganze Branche verschworen, jeden bluten zu lassen, der einmal angebissen hat und nun egal welche Konsequenzen in Kauf nehmen muß? Dann die Frage: Hört er, obwohl selber ganz anders heißend, auf die Epson- oder die IBM-Norm oder auf keine davon und auf welche dann? Dann der Griff zu dem schmucken Handbuch und die schleunige Ernüchterung. Diese Handbücher, nicht nur die für Drucker, sind ja offenbar für niemanden gedacht. Ganz vorn erklären sie einem immer, daß man vor der Inbetriebnahme tunlichst den Stecker in die Steckdose stecken sollte. Gleich darauf sind sie mitten in der höheren Kunst des Programmierens, während dir noch nicht einmal klar ist, wozu man die in diesem Fall überhaupt braucht. LPRINT CHR(27)„C“,CHR(12);... – aber du denkst dabei wegen des unentwegten CHR mit dem Dollarzeichen immer nur an die Bank des Heiligen Geistes, und du willst dem Drucker auch gar nicht beibringen, Perforationen zu überspringen; er soll dir erst einmal nur brav das gewöhnliche Alphabet auf einen gewöhnlichen Bogen schreiben. Wer diese Handbücher versteht, der braucht sie nicht, denn er weiß schon alles und mehr; und wer nicht mindestens alles weiß, der versteht sie nicht. Also in die Ecke damit!

Und ausprobiert, was sich auf deinen Disketten an Druckertreibern herumtreibt. Fast alle treiben sie den Drucker tatsächlich, das heißt, sie bringen ihn zum Räuspern und Ruckeln, aber wozu sonst noch? Der eine schreibt lauter Klammern hin, wo Umlaute stehen sollten, der andere schreibt, wo er ein ß schreiben sollte, ein Beta oder ein sonderbares Zeichen, so eine Art großes R mit einem Strich durch den Abstrich, das sich mir in einer hellen Stunde einmal als das spanische Währungszeichen „Pt“ für Peseta zu erkennen gab. Der andere fängt ganz ordentlich an, aber an einer bestimmten Stelle in deinem Musteralphabet schnappt er plötzlich über, der Drucker zögert, stottert, macht weite Blanks zwischen den Zeichen, spuckt plötzlich die ganze Seite aus, holt sich die nächste, nadelt aber nur ein paar unentzifferbare Zeichen hin, unter denen Du ein Pikas erkennst – er sagt dir offenbar wahr, und es ist nichts Gutes.

Am tückischsten aber sind jene, die an und für sich fabelhaft funktionieren: Alle Papiervorschübe stimmen und fast alle Zeichen, sogar die alternativen Schriften gibt er mehr oder weniger richtig von sich – nur, leider, auf jede erste Seite schreibt er ganz oben links immer ein „FF“. Nichts sonst, nur „FF“. Ein läßlicher Schönheitsfehler, denkt man zuerst, zur Not wird man ihn ertragen; aber spätestens bei dem zehnten Brief, der sich selber dann mit diesem „FF“ eröffnet, kommt man sich wie ein Kretin vor, sinnt verbissen auf Abhilfe – und schon sitzt man so übernächtigt da, wie Du, lieber Druckprätendent, heute dasitzt.

Denn da verspricht jetzt nur noch der Griff zu den Hexenfeilen Hilfe, wie ich diese in hexadezimaler Notation abgefaßten Kommandolisten immer nenne, aus denen die Druckertreiber gemacht werden. In so einem Hex-File kannst du theoretisch herumbessern, bis der Drucker tut, was er soll: Du rufst dir eine vielversprechende Hexenfeile auf deinen Bildschirm, machst an irgendeiner Stelle aus einem 1B 52 01 ein 48 4C OC, fütterst die neue Fassung in das Programm, das Druckertreiber zu machen versteht, spielst den Klempner, indem du dir den taufrischen Druckertreiber „installierst“, gibst ihm deinen Musterzeichensatz zu drucken, starrst den so geschickt hin- und herwuselnden Druckkopf an – und entreißt ihm das Blatt mit dem neuen Blödsinn, den er da von sich gibt. Bis du auch nur einigermaßen übersiehst, was die über dreihundert Zeilen dieser Hexenfeile zu bedeuten haben, welche kuriosen Verhaltensphänomene sie beim Drucker bewirken, ist viel Papier durch diesen geflossen. Und dann ahnst du erst, an welcher Stelle vielleicht etwas zu ändern wäre – aber welche Zauberformel du dort eintragen müßtest, davon hast du noch nicht den blassesten Schimmer. Du versuchst zu verstehen, was schon dort steht, oder warum dort gerade gar nichts steht, entwirfst Hypothesen, testest sie, verwirfst sie wieder... Und so geht das nächtelang.

Dein Problem ist sicher eines der hartnäckigsten, mein ferner Geistesverwandter, schwieriger als einfach ein paar unerwünschte Zeichen anstelle einiger unerwünschter aus dem verdammten Kasten herauszukriegen. Dein Formfeed stimmt irgendwie nicht; der Drucker fängt die Seite erst dort zu beschreiben an, wo sie schon bald wieder aufhört. Irgendwo in den Zeilen 01 bis 2F, bei denen jede winzige Veränderung immer zu den phantastischsten Folgen führt, muß die wunde Stelle sein, vermutlich zwischen IE und 25. Vielleicht muß „Form length in lines“ von 24 1B 43 80 in 24 1B 43 48 verwandelt werden? Denn wieso eigentlich 80? Aber ich habe gut reden; ich bin ein wenig anders konfiguriert, und ausprobieren kann ich’s also nicht.

So bleibt mir nur, Dir wohlfeilen Trost zu spenden. Schmeiß den Scheiß nicht hin! Halte durch! Was meinst Du, wie Du Dir vorkommst, wenn Du das Problem bezwingst, wenn du irgendwann den Punkt getroffen hast, halb mit Scharfsinn und halb mit schlafwandlerischem Gespür: Und Dein Drucker läuft und ist prompt der beste der Welt. Solche stillen Triumphe sind es doch, die uns computersüchtig gemacht haben. Dieter E. Zimmer