Von Nina Grunenberg

Glück muß der Mensch haben. Walter Zöller kann sich nicht beklagen. Drei Tage bevor er und seine CSU-Fraktion im Münchner Rathaus mit der – für Bayern beispiellosen – Wahl eines Grünen zum Kommunalreferenten Furore machten, hatte die CSU bei Bürgermeisterwahlen in 24 Städten und Gemeinden blamabel verloren und wäre für jeden Sündenbock dankbar gewesen.

Zöller hätte für die Rolle ideal gepaßt, wäre die Referentenwahl nur eine Woche früher geplant worden. Mit seinem „grünen Opportunismus“ hatte er ein Tabu gebrochen, das in Bayern als unumstößlich galt. So eingefleischt sind die Berührungsängste der CSU gegenüber den „Körndlfressern“, daß Landtagsabgeordnete der Grünen per Kabinettsbeschluß sogar von der Teilnahme an staatlichen Empfängen und Büfetts ausgeschlossen wurden. Solche Ausgrenzungsversuche hält Walter Zöller für einen Schmarren. Aber von seiner Schuld an der Wählerflucht wären manche Parteifreunde auch deshalb leicht zu überzeugen gewesen, weil der Münchner Stadtrat seit eh und je gern gegen den Stachel löckt.

Dem „Herrn Notar aus München“, wie Zöller in der Partei mit leicht süffisantem Unterton genannt wird, wird jetzt noch heiß und kalt, wenn er daran denkt, daß sein riskantes Spiel um die Oberhand im Münchner Rathaus durch die Gunst des Kalenders für ihn entschieden wurde. Auch läßt er im Ungefähren, ob die Wahl des Grünen Georg Welsch das rationale Ergebnis eines strategischen Meisterplans war oder ob im entscheidenden Moment nicht seine Fraktion den Ausschlag gab, die ihrem Zorn über das unberechenbare Regiment von Oberbürgermeister Georg Kronawitter und die Quertreibereien aus der SPD Luft machen mußte.

Hinterher war es eine Sensation, die einige schlaflose Nächte rechtfertigte und Zöllers Ruf als „heimlicher Oberbürgermeister“ bei der Münchner Lokalpresse weiter festigte. Der 48jährige genoß das um so mehr, als er wußte: Wer verliert, wird begraben. Solche Binsenweisheiten als unvermeidlich zu akzeptieren, wird einem politischen Lehrling in Bayern schon in der Jungen Union beigebracht.

Aber Zöller gewann. In der öffentlichen Meinung konnte sein überraschendes Bündnis mit dem Grünen als zusätzlicher Beweis für die These herhalten, daß die politische Landschaft in Bewegung geraten ist und Wahlerfolge am besten dort zu finden sind, wo sie „das eingeschliffene ideologische Parteienschema sprengen“ (Klaus Hartung in der taz). Wichtiger war für ihn jedoch, daß auch die eigene Partei ihm das Verständnis nicht versagte.

Bei Franz Josef Strauß ist Erfolg – auch jenseits aller politischen Grundsätze – noch immer ein überzeugendes Argument gewesen. Und die CSU muß sich um ihren Erfolg in der Zukunft inzwischen ernsthaft kümmern. 1990 stehen in Bayern Kommunal- und Landtagswahlen an. Die schlechten Ergebnisse der „kleinen“ Kommunalwahl vor vierzehn Tagen (bei den Stichwahlen am letzten Sonntag setzte sich der negative Trend fort) lassen nicht viel Gutes ahnen. Die Partei ist beunruhigt über die Verluste, an der Basis grummelt es. Auf einen Schock mehr oder weniger kam es jetzt fast schon nicht mehr an, zumal Walter Zöller in der Partei als Einzelgänger gilt.