III. Programm NDR, RB, SFB, 27. 3., 20.15 Uhr; HR, 4. 4., 20.15 Uhr; BR, 9. 4., 22.30 Uhr: „Im Labyrinth des Ichs – Fernando Pessoa und Portugal“, ein Film von Peter Hamm

Er hatte diesen sonderbaren Schnurrbart, ein ziemlich exakt pyramidales schwarzes kleines Fell zwischen Nase und Oberlippe, enge Knopfaugen – und erinnerte auch sonst in vielem an ein filigranes, nervöses Nagetier. Leise vor sich hin raschelnd lebte er im Laub Lissabons, im Aktenstaub eines Übersetzerbüros für diverse Geschäftskorrespondenz und sammelte heimlich die Früchte seiner Poesie in einer großen Truhe. Als diese nach seinem Tod gefunden und geöffnet wurde, da erkannten die Nachgeborenen, staunend in seinen Manuskripten stöbernd, lesend, sich versenkend, plötzlich, daß es sich bei diesem somnambulen Eichhörnchen, diesem stillen Buchhalter und Siebenschläfer wohl um den größten portugiesischen Dichter seit Camoes handeln mußte.

Seit kurzem wird Fernando Pessoa, geboren 1888 in Lissabon und 1935 dort gestorben, auch hierzulande wiederentdeckt, das heißt: überhaupt entdeckt. Entdeckt als einer der Großen der Literatur und voll platznehmungsberechtigt im Pantheon der Klassischen Moderne. So kommt Peter Hamms Film-Essay gerade zur rechten Zeit.

Hamm zeigt uns den portugiesischen Pessoa, den Dichter in seiner Landschaft, vor der Geschichte seines Landes und dessen geistiger Tradition. Er zeigt uns – in faszinierenden Bildern – Pessoas Lissabon, das wie Kafkas Prag, Joyces Dublin, Döblins Berlin für den Dichter zum sur-realen Ort wird, zum Gleichnis für eine Welt, in der das Ich sich wassergleich verliert: versickert, verrinnt, verdunstet. Kenntnisreich kommentierend und klug interpretierend macht sich Hamm auf die Suche nach Pessoa und lenkt dabei den Blick des Zuschauers in ein wahres Kaleidoskop der Identitäten.

Hamms Porträt will einen Unsichtbaren abbilden, den, der hinter, der in diesem einsamen, alkoholsüchtigen kleinen Angestellten aus dem Kontorviertel Lissabons steckt – und er entdeckt dabei (und mit ihm der Zuschauer) ein chaotisches poetisches Pandämonium: einen Spuk, ein Wesen, flüchtig, vielgestaltig, stets auf der Suche nach dem Unmöglichen, „durch das Nutzlose hindurch“. Benedikt Erenz