Der Wahlspruch der siegesgewissen französischen Sozialisten lautet daher „Wir wollen den Präsidenten zum Präsidenten wählen“

Von Roger de Weck

Paris, Ende März

Präsident Mitterrand hat lange gezögert, ob er sich um seine Wiederwahl bewerben sollte. Vor drei Monaten, um die Jahreswende, fällte er seine Entscheidung, die er allerdings so spät wie möglich verkünden wollte. Nun ist es soweit. Jetzt konnte er nicht mehr Nein sagen, ohne an der Sozialistischen Partei, seiner Schöpfung, Verrat zu üben. Denn wenn François Mitterrand nicht kandidiert, ist für die französische Linke die Wahl von vornherein verloren.

Von seinen guten und schlechten Eigenschaften sticht eine hervor: Mitterrand ist schlau. Mit Bedacht hat er es vorgezogen, sich erst im letzten Augenblick – einen Monat vor dem ersten Wahlgang – zu erklären. Solange sich der Präsident der Republik nicht in den Kandidaten François Mitterrand verwandelt hatte, bot er seinen konservativen Widersachern keine Angriffsfläche: Während der vergangenen Wochen mußten sich Jacques Chirac und Raymond Barre, der jetzige und der gewesene Premierminister, im Schattenboxen üben. Sie haben dabei einen Teil ihrer Kräfte verzehrt, wiewohl Mitterrands Rechnung, Chirac und Barre würden sich mangels eines linken Kontrahenten gegenseitig zerrupfen, nicht aufgegangen ist.

Mit gutem Grund hielt sich Mitterrand in Deckung. Für seine Wiederwahl ist er (wie schon 1981) sowohl auf die kommunistischen als auch auf viele bürgerliche Wähler angewiesen. Deshalb muß auch sein Wahlprogramm möglichst vage bleiben, damit es den Linksaußen wie den gemäßigten Rechten zusagt. Schweigen ist Gold, der Präsident hat kein Interesse an einer langen Kampagne, um nicht fortwährend bedrängt zu werden, seine genauen Absichten zu verraten.

Es ist eine der Lieblingswendungen Mitterrands, man müsse „der Zeit etwas Zeit geben“. Für ihn ist Politik nicht nur die Kunst des Möglichen, sondern auch die Begabung, die Zeit wirken zu lassen. François Mitterrand trägt keine Uhr, hat nie eine getragen, pflegt die meisten Termine mit gebührender oder auch ungebührlicher Verspätung wahrzunehmen. Und er fürchtet sich vor dem Tod, dem Ende seiner Zeit. Jedenfalls kommt er in seinen Tagebüchern wie in so manchen Gesprächen immer wieder darauf zurück.