Der sogenannte Stromverbund zwischen der Bundesrepublik, West-Berlin und der DDR, der am 7. März vertraglich beschlossen wurde, stößt auf erhebliche technische Hürden. Diese verdeutlichen nicht nur die prinzipiellen Probleme des „Verbundes“, sondern auch die energiepolitischen Schwierigkeiten hüben und drüben: hie Strom im Überfluß, dort akuter Mangel. So wird die 380-Kilovolt-Doppelleitung von Helmstedt über Magdeburg nach Berlin nicht wie vielfach feierlich behauptet einen Strom Austausch zwischen den beiden deutschen Staaten einläuten. Vielmehr wird die neue Trasse eine elektrische Einbahnstraße von West nach Ost darstellen, gewissermaßen einen Blitzableiter zum Entladen westlicher Überkapazitäten.

Ganz deutlich wird dies in der Anfangsphase vom Herbst 1989 bis Ende 1991. Dann wird mitnichten ein Stromverbund existieren, sondern ein „Richtbetrieb“, wie es mehr verschleiernd als klärend in den offiziellen Mitteilungen heißt. Im Klartext bedeutet dies, daß ein oder mehrere westliche Kraftwerke aus dem hiesigen Netz ganz ausgekoppelt werden und dann ausschließlich zur Versorgung der DDR laufen. Elektrische Leistung läßt sich nicht je nach dem schwankenden Bedarf in Ost oder West beliebig hin- oder herschieben, sondern nur ein Abtreten ganzer Kraftwerke an das jeweils andere Netz ist möglich. Daß die DDR eines ihrer Kraftwerke zeitweilig abtreten könnte, „ist nach dem gesunden Menschenverstand in der Tat wohl nicht zu erwarten“, konzedierte ein Sprecher der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke.

Ein gegenseitiger Stromaustausch zwischen Ost und West durch einfaches Verbinden beider Netze ist gar nicht möglich. Er würde sehr schnell mit einem gewaltigen Knall enden – obwohl auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges dem Namen nach exakt der gleiche Strom fließt, nämlich Wechselstrom mit einer Frequenz von 50 Hertz. Denn die Elektronen in beiden Netzen schwingen nicht ganz exakt im Takt, „fümfzig Hertz“ sind eben nicht „fuffz’sch Hertz“. Wechselströme verstärken sich nämlich nur dann gegenseitig, wenn sie ganz präzise im Gleichtakt schwingen. Das heißt, alle stromerzeugenden „Dynamos“ müssen, von einem gemeinsamen Taktgeber geregelt, auf 50 Umdrehungen pro Sekunde oder 50 Hertz eingestellt werden. Würden etwa die Dynamos mehrere Radfahrer gemeinsam eine Lampe speisen, dann ergäbe dies ein wild flackerndes Licht, falls nicht alle auf identischen Rädern exakt gleich schnell fahren.

Während die Preußen West die Frequenz sehr präzise regulieren, nämlich auf plusminus 25tausendstel Hertz, können es die Preußen Ost gar nicht so genau nehmen. Wenn dort nämlich viele Verbraucher Energie aus den Leitungen zapfen, dann sinkt die Frequenz durchaus schon einmal um ein Hertz oder mehr. Schuld daran sind häufig auch unterversorgte Bruderstaaten, mit denen die DDR in einem Netz verbunden ist. Ein Gleichtakt im elektrischen West- und Ostblock ist deshalb nicht zu bewerkstelligen, bei einer direkten Verbindung entstünde rasch ein unkontrollierbarer „Wellensalat“, ein Kurzschluß wäre unausweichlich. Fachleute schätzen, daß ein „Hochschieben“ der Ost-Frequenz etwa von 49 auf 50 Hertz westlicherseits den Einsatz von einem knappen Dutzend Kernkraftwerken erfordern würde. Das verkraftet keine Leitung.

„Der gegenseitige Stromaustausch ab 1992 erfordert eine anspruchsvolle technische Lösung“, schreibt die PreussenElektra, der westliche Vertragspartner im Stromgeschäft, in einer Pressemitteilung. Dazu werde „in Wolmirstedt in der Nähe von Magdeburg eine Schaltanlage mit einer Gleichstromkupplung gebaut“. In dieser Stromschleuse wird der zu exportierende Wechselstrom zunächst von fünfzig auf null Hertz gebracht, also in Gleichstrom umgewandelt. Anschließend erfolgt wieder eine Umformung in Wechselstrom, diesmal allerdings mit der Frequenz des importierenden Netzes. So kann kein „Wellensalat“ mehr entstehen.

Es stellt sich nun die Frage, warum zur besseren Versorgung West-Berlins eine direkte Hochspannungsleitung quer durch die DDR notwendig ist. Wäre es nicht sinnvoller, von der Bundesrepublik Elektrizität in nahe DDR-Gebiete zu liefern, wofür der Osten aus seinen Berlin nahen Kraftwerken eine entsprechende Strommenge in den Westteil der Stadt abgeben könnte? Schließlich sind lange Hochspannungsleitungen teuer und selten eine Zierde. Die Antwort ist einmal mehr, daß es keinen „gegenseitigen Stromaustausch“ gibt, sondern Überkapazitäten im Westen und Bedarfslücken im ganzen Osten sowie langfristig in West-Berlin, das seine veralteten und stinkenden Kohlekraftwerke erneuern muß.

Bekannt ist auch bereits, welche Gesellschaft im „Richtbetrieb“ künftig Strom in die DDR liefern soll: eine Tochter der PreussenElektra, die Braunschweigischen Kohlekraftwerke. Diese betreiben unter anderem das Werk in Buschhaus, dessen berühmt-berüchtigte Abgasfahne der Westwind in die DDR weht. So könnten die Genossen neben dem Dreck auch den zugehörigen Strom beziehen. Und zwar recht günstig, denn zumindest teilweise läßt er sich aus den satten Wegegebühren für die neue Hochspannungstrasse finanzieren.

Vielleicht wird der West-Strom sogar noch billiger, wenn die Leitung 1992 fertig ist. Dann soll nämlich in der EG freier Warenverkehr herrschen, auch für den überquellenden französischen Atomstrom. So wünschenswert ein echter elektrischer Verbund mit der DDR politisch auch sein mag – ein „gegenseitiger Stromaustausch“ dürfte noch lange auf sich warten lassen. Hans Schuh