Von Wolfgang Boller

Er durfte nur einen Satz sagen. Auf dem bisherigen Gipfelpunkt seiner Karriere, als die Augen der Welt auf ihn gerichtet waren, durfte er im eigenen Land nicht reden, anschuldigen, rechtfertigen, prahlen, fordern, verdammen. Im Selbstverständnis der Olympischen Spiele war er nur ein Stichwortgeber. Der Auftritt verschaffte ihm Genugtuung, befriedigte ihn aber nicht. Er hatte den Sonderzug warten lassen und fuhr am selben Tag wieder ab.

Die Gemeinde war ihm ohnehin unerfreulich. Er hatte nicht vergessen, daß ihm ein Partenkirchner Bürgermeister den Wunsch nach einem Grundstück für seinen geplanten Berghof abgeschlagen hatte. Noch vor wenig mehr als einem Jahr hatten sich die Gemeinderäte von Garmisch und Partenkirchen mit lächerlichsten Argumenten der verordneten Zusammenlegung widersetzt. Schließlich hatten sie sich nicht von Einsichten, sondern von Drohungen überzeugen lassen (Protokoll vom 31. 12. 1934: „Wir sind vor die Wahl gestellt worden, diese Beschlüsse zurückzuziehen, oder aber uns mit der Möglichkeit abzufinden, daß der gesamte Gemeinderat verhaftet und nach Dachau eingeliefert wird“).

Die Vereinigung von Garmisch und Partenkirchen zur politischen Gemeinde war die unabdingbare Voraussetzung für die Organisation der Olympischen Winterspiele von 1936: Das geeignete Gelände für Abfahrtslauf und Bobrennen (Kreuzeck und Risserkopf) lag auf Garmischer, für Skispringen und Slalom (Olympiastadion am Gudiberg unter dem Eckbauer) auf Partenkirchner Gebiet. Beide Gemeinden, damals bereits beliebte Wintersportorte für unterschiedliche Temperamente, konnten annähernd 9000 Gäste unterbringen. Gemeinsam hatten sie ein Hochgebirgspanorama wie kein anderes Skidorf in Deutschland, dazu Zugspitze und Platt mit ewigem Schnee in fast 3000 Metern Höhe.

Die Schneegarantie war einer der Beweggründe für den Erfolg der Bewerbung als Schauplatz der IV. Winterolympiade. Im nordamerikanischen Lake Placid hatte es 1932 nicht genug geschneit. Abermals vier Jahre zuvor waren die Spiele in St. Moritz in der vermeintlich schneesicheren Höhe von 1900 Metern nach einem Föhneinbruch buchstäblich ins Wasser gefallen. Seltsam genug – zunächst sah es so aus, als würde auch die Winterolympiade in Deutschland am Wetter scheitern. Anfang Februar wehten subtropische Winde im Werdenfelser Land. Die Aufzeichnungen im Olympischen Tagebuch des Barons von le Fort ähneln Schreckensvisionen. Der Generalsekretär des Oranisationskomitees notierte am 2. Februar: „Seit gestern gießt es in Strömen.“

Der ungewohnte Februarregen drohte, die Olympia-Hoffnungen zunichte zu machen, die Träume von Sieg und Anerkennung. Schon schienen alle Anstrengungen vergebens gewesen zu sein, vergebens die dreijährigen Vorbereitungen des Organisationskomitees mit mehr als 250 Mitarbeitern, unnütz die verschwenderisch großen Anlagen: das Olympiastadion für 60 000 Zuschauer, die Olympiaschanze mit ihrem 43 Meter hohen Anlaufturm, das Kunsteisstadion mit Tribünenplätzen für 10 000 Menschen, die gut 1500 Meter lange Bobbahn am Nordhang des Risserkopfes. Das waren im Jahre 1936 Superlative. 755 Wettkämpfer (einschließlich der Ersatzmannschaften 1100 Teilnehmer) aus 28 Nationen drängten zum fahnengeschmückten Tor mit dem selbstbewußten Gruß an die Jugend der Welt. Zum erstenmal waren alpine Skiwettbewerbe (Abfahrtslauf und Slalom) in die Olympischen Disziplinen aufgenommen worden.

Die Kosten sind mit heutigen Aufwendungen nicht vergleichbar, für 1936 waren sie gewaltig. Die Bobbahn hatte 238 000 Reichsmark gekostet, das Skistadion 426 000, das Kunsteisstadion 550 000 Reichsmark. Insgesamt waren 2,6 Millionen ausgegeben worden – bei einem Zuschuß des Reichs von 899 831 Mark.