ARD, Sonntag, 27. 3., 20.15 Uhr: „Heimatmuseum “, dreiteiliger Fernsehfilm von Egon Günther nach Motiven des Romans von Siegfried Lenz; Teil 1: „Schöne Tage in Masuren

Heimat-Museum ist ein Widerspruch in sich. Heimat ist eine Art zu leben, die sich nicht als Lebensart oder Brauchtum, am wenigsten wohl in Gegenständen bewahren läßt, die man ins Museum stellen kann. Wenn sie einem als Heimat bewußt wird, ist sie meist schon verloren. Sie ist nicht mehr selbstverständlich. Aber gerade das ist Heimat vor allem: Selbstverständlichkeit des Daseins. Wenn die verloren ist, beginnt man zu verstehen, sich zu definieren, das heißt: abzugrenzen. Je weiter weg von der Selbstverständlichkeit, desto lauter das (nationale) Selbstverständnis.

Der Frieden Masurens ist in Egon Günthers Film ein feines Gewebe, von der Art der Wandteppiche, die Zygmund Rogalla in Masurens Wintern und Sommern zu fertigen lernt. Dieser Friede ist ein verletzliches Gespinst, ihn zu leben ist eine Kunst, die die Völker Masurens neben- und miteinander in vielen Generationen erlernen mußten. Günther findet für diesen friedlichen Zustand ein treffendes Bild: Auf einem kleinen Floß wird ein Pferd über den See gestakt – dazu gehört viel Geschick und Fähigkeit zur Balance, Geduld und andere schöne Tugenden. Heimatliche Selbstverständlichkeit ist Schein, der „Heimatboden“, Mutter Natur stiftet sie nicht. Sie hängt an dünnem Faden, an der Friedfertigkeit der Menschen.

Am Ende des dreiteiligen Fernsehfilms nach Siegfried Lenzens Roman steht das masurische Heimatmuseum in Flammen, ein paar Feuerwehrleute stehen hilflos daneben, das Feuer brennt zu gut, zu gründlich war die Brandstiftung vorbedacht. Sie hätte zu gute Gründe, als daß man sie hätte hindern können. Sie war nicht der verzweifelte Appell eines „Vertriebenen“, sondern die wohlerwogene Konsequenz aus dem Leben dieses Zygmund Rogalla, dessen Heimatlosigkeit vor dem Jahr 1945 begann.

Wann aber? Als sich in der Schule angestaute Aggression gegen einen Streber austobt, und der Lehrer Henseleit im nächsten Augenblick verkündet: „Es is Kriech, alle können nach Hause jehn“? Ein undefinierbares rauschhaftes Getöse, ein trunkener Walzer tost im Hintergrund dieser Klassenszene, leise und um so irritierender. Und das Modell eines Ozeandampfers wird lustvoll zerstampft. Oder ist es, als Zygmund Rogalla sich in der Kirche seines Heimatortes Lucknow trauen läßt und der stumpfe Lärm einer NSDAP-Wahlveranstaltung vom Marktplatz her durch die Kirchenfenster eindringt. Egon Günther zeigt uns die schönen Kirchenfenster, die die Hochzeitsgesellschaft nicht abzuschirmen vermögen.

Oder ist es in dieser kurzen Szene, als man sich an einem Wintertag im Zweiten Weltkrieg auf dem Weg über die Wiesen begegnet und plötzlich eine Abkühlung anderer Art bemerkbar wird im kurzen, blicklosen Gruß? Egon Günthers Bilder treffen erstaunlich genau den Ton des Erinnerns im Lenzschen Roman. Sie zeigen eine Welt, der man anmerkt, daß es sie so nie gegeben hat. Und diese Bilder vermeiden es ebensowohl wie der Roman, Antworten auf die Fragen zu liefern: Was denn Heimat nun eigentlich sei, warum sie denn nun habe verloren gehen müssen.

Das Unbegreifliche und nach wie vor Unbegriffene der Vorgänge spielt mit. Die großen Ereignisse spielen sich so nebensächlich ab wie im Leben. Die Zeichen der nahenden Katastrophe mehren sich und werden kaum wahrgenommen. Noch beim Packen zum großen Exodus sind die Lucknower ungläubig, ob sie denn wirklich müßten.