Von Rolf Zundel

Nach dem Erfolg sieht alles, wie so oft, ganz einfach aus. So recht kann sich niemand mehr vorstellen, daß Lothar Späth die Mehrheit im Landtag hätte verfehlen können. Sprachen nicht fast alle Fakten zu seinen Gunsten: eine erfolgreiche Regierung in einem wirtschaftlich prosperierenden Bundesland, seine ungewöhnliche Popularität und eine Opposition, die mit Ausnahme der Grünen – und sogar sie mußten zweimal nachdenken – nichts mehr wollte als mitregieren, die aber keine Themen fand, mit denen sie Späth hätte in Verlegenheit bringen können?

In Wirklichkeit war es eine Zitterpartie, die erfahrene CDU-Strategen noch um die Jahreswende für ziemlich hoffnungslos gehalten hatten. Für eine Alleinregierung zu werben, war ihnen höchst gefährlich erschienen; das Wort hatte keinen guten Klang, zumal nach dem Barschel-Skandal. Sich vom Bundestrend abzukoppeln, war nach allen ihren Erfahrungen fast unmöglich; und dieser Trend hatte die CDU auf Talfahrt gebracht. Immerhin war die Partei in den letzten drei Landtagswahlen gebeutelt worden. Und seither war das Bild der Bundespartei gewiß nicht leuchtkräftiger geworden. Daß Lothar Späths CDU weniger Stimmen verlor als die Christdemokraten anderswo und eine sichere Mandatsmehrheit behielt, ist im Grunde eine Sensation. Und die Frage verdient schon eine genauere Antwort, warum dies möglich war.

Späth hat den Wahlkampf mit hohem Risiko geführt. Er hat entgegen dem Bonner Koalitionsmodell auf Alleinregierung gesetzt und sogar, wenn auch nur in Andeutungen, seine Karriere damit verbunden. Dies war eine Gratwanderung mit manchen Möglichkeiten zum Absturz.

Die Distanz zu Bonn mußte deutlich sein, durfte aber nicht so groß werden, daß sie die Partei-> loyalität gefährdete. Seine Botschaft, er werde dem Land nur erhalten bleiben, wenn die Wahl nach seinen Vorstellungen ablaufe, durfte nicht in die Wahrnehmung umkippen, Späth arbeite nur noch auf gemähter Wiese. Und seine Koalitionsspielereien mit der SPD mußten zwar die Entbehrlichkeit der FDP und seine Unentbehrlichkeit zeigen, durften aber nicht so konkret werden, daß der konservative Teil der Partei und die zwischen FDP und CDU schwankenden Wähler diese als ernsthafte und bedrohliche Alternative erkennen konnten. Schließlich: Wenn Späth sein Wahlziel verfehlt hätte, wäre er tatsächlich mit „dummem Gesicht“ dagestanden; denn gegen eine große Koalition hätte sich ein Teil seiner Landespartei gewehrt und die Bundes-CDU hätte brutal dagegen gehalten.

In einem themenarmen Wahlkampf hat Späth die Themen gesetzt: die Alleinregierung und sich selbst. Die Wähler, die ursprünglich die Wahrscheinlichkeit, daß Späth wie alle anderen CDU-Ministerpräsidenten mit der FDP koalieren müsse, für relativ hoch und auch nicht für sonderlich aufregend gehalten hatten, bekamen das Gefühl, es stehe doch einiges auf dem Spiel. Die CDU wurde motiviert und mobilisiert.

Natürlich nutzte Späth die Situation. Er vereinnahmte Spöri als sympathischen, lernfähigen Adepten, der, vielen Sozialdemokraten voraus, seine Politik begriffen habe. Er machte mitleidlos die Unerfahrenheit des FDP-Vorsitzenden Döring zur Lachnummer an den politischen Stammtischen, und der junge Mann, von den eigenen Parteifreunden nur halbherzig verteidigt, konnte sich dagegen nicht wehren. Späth ließ verkünden: „Koalitionen streiten, wir arbeiten.“ Politisch war diese Botschaft nahe am Blödsinn, denn manche Alleinregierungen, nicht zuletzt solche der Union, haben kräftige Beispiele verhockten Mißmuts geliefert. Als Wahlkampfslogan aber war sie unübertrefflich und traf genau ins Gemüt der Schwaben.